Die drei ???Mystery

    Weißes Rauschen

    by vm228m2fy8

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    Der Schmerz war ein Anker. Er hielt Peter im nebligen Hier und Jetzt fest, eine glühende, pulsierende Masse, wo seine linke Hüfte sein sollte. Alles andere war gedämpft. Das sterile Weiß des Krankenzimmers, das leise Piepen der Maschine neben seinem Bett, der Geruch von Desinfektionsmittel, der sich wie ein Film über alles legte. Er hasste diesen Geruch. Er roch nicht nach Sauberkeit. Er roch nach Krankheit, die man mit Chemie zu überdecken versuchte.

    Peter hob eine zitternde Hand und fuhr sich über die Stirn. Feucht. Fieber, hatten sie gesagt. Eine Komplikation nach der Operation. Er ließ den Blick durch den Raum schweifen. Sein Bein war eine unbewegliche, in Gips und Laken gehüllte Masse. Er konnte sich nicht einmal auf die Seite drehen. Gefangen.

    Sein Blick fiel auf den Knoten des dünnen Bandes, das sein Krankenhaushemd im Nacken zusammenhielt. Ein schlampiger Überhandknoten. Wahrscheinlich von der Nachtschwester. Er runzelte die Stirn. Ein richtiger Knoten würde halten, ohne sich unter Spannung zuzuziehen oder von selbst zu lösen. Ein Palstek oder ein doppelter Achterknoten. Er hatte Stunden damit verbracht, sie zu perfektionieren. Fürs Klettern. Fürs Segeln. Fürs Leben. Ein guter Knoten war eine Versicherung. Dieser hier war eine Beleidigung.

    Die Tür ging leise auf. Zuerst kam Justus' ernstes Gesicht in den Raum, die Augenbrauen leicht zusammengezogen, als würde er die Situation taxieren. Direkt dahinter Bob, dessen Miene eine unbeholfene Mischung aus Besorgnis und dem krampfhaften Versuch, optimistisch auszusehen, war.

    „Na, sieh mal einer an, der zweite Detektiv ist erwacht“, sagte Justus. Seine Stimme war wie immer präzise, aber es fehlte der übliche Funke Ironie.

    „Wie geht’s dir, Pete?“, fragte Bob und trat näher ans Bett. Er mied den Blick auf Peters eingegipstes Bein. „Wir haben uns solche Sorgen gemacht.“

    „Schon besser“, log Peter. Seine Stimme war ein heiseres Krächzen. „Das Essen hier ist ein Verbrechen. Ich glaube, mein Pudding hatte eine festere Konsistenz als das Schnitzel.“

    Bob lachte erleichtert. Es klang ein wenig zu laut in der Stille des Raumes. Justus blieb an der Tür stehen, die Hände in den Taschen seiner beigen Jacke vergraben.

    „Die Ärzte sagten, die Operation war kompliziert“, setzte Justus an, und sofort war die gespielte Leichtigkeit verflogen. „Eine leichte Infektion. Sie haben es aber im Griff.“

    Peter nickte langsam. Das erklärte das Fieber und dieses Gefühl, als wäre sein Blut zu heiß. „Der Sturz…“

    „Fünfzehn Fuß, vielleicht sechzehn“, antwortete Justus prompt, als hätte er es ausgemessen. „Auf den Betonboden der alten Lagerhalle auf dem Studiogelände. Du hattest Glück im Unglück, Peter.“

    Glück. Peter spürte den glühenden Stein in seiner Hüfte pochen. Wenn das Glück war, wollte er kein Pech kennenlernen. „Das Seil“, krächzte er. Die Erinnerung blitzte auf. Das Gefühl der Sicherheit, als er den Halt prüfte. Der Ruck. Die plötzliche, schreckliche Schwerelosigkeit. Und dann nichts als Schmerz. „Das Seil ist gerissen.“

    Bob und Justus wechselten einen Blick. Es war nur eine Sekunde, aber in der grellen Sterilität des Zimmers war sie so deutlich wie ein geschriebenes Wort. Bob presste die Lippen aufeinander. Justus trat nun doch vom Türrahmen weg und kam langsam näher.

    „Wir haben es“, sagte Justus leise.

    „Was heißt, ihr habt es?“, fragte Peter und versuchte, sich aufzurichten. Ein Fehler. Ein stechender Schmerz schoss durch seinen Körper und presste ihm die Luft aus den Lungen. Er keuchte und sank zurück in die Kissen.

    „Ruhig, Pete“, sagte Bob schnell und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Sie fühlte sich kühl an auf seiner heißen Haut.

    „Peter, ich möchte nicht, dass du voreilige Schlüsse ziehst“, begann Justus in seinem typischen Dozententon. „Eine präzise Analyse steht noch aus, aber die rein visuelle Begutachtung hat etwas… Ungewöhnliches ergeben.“

    Peter starrte ihn an. Er kannte diesen Ton. Das war Justus, der eine Bombe entschärfte, bevor er sie zündete. „Justus. Rede Klartext.“

    Justus atmete tief durch. „Es ist nicht einfach gerissen. Nicht durch Materialermüdung oder falsche Belastung.“ Er machte eine Pause, wählte seine Worte sorgfältig. „Die Fasern an der Bruchstelle sind glatt. Zu glatt.“

    Stille. Das Piepen des Monitors schien lauter zu werden, ein Herzschlag, der nicht seiner war.

    Glatte Fasern.

    Peter schloss die Augen. Er war Dutzende, vielleicht Hunderte Male geklettert. Er hatte alte, ausgefranste Seile gesehen, die unter Spannung nachgaben. Sie zerrissen, zerfaserten, lösten sich in einem Chaos aus einzelnen Strängen auf. Sie hinterließen keine sauberen Kanten.

    „Es wurde geschnitten“, flüsterte Peter. Es war keine Frage.

    Bob zuckte zusammen, als hätte Peter ihn geschlagen. „Wir wissen es nicht sicher, Pete. Es könnte…“

    „Nein“, unterbrach Justus ihn sanft, aber bestimmt. Er sah Peter direkt an, und in seinem Blick lag eine kalte, harte Gewissheit, die er nicht aussprach. Er hielt etwas zurück, eine Hypothese, die ihm bereits im Kopf herumging. „Bob hat Recht, Kausalität ist nicht Korrelation. Aber die Indizien deuten auf eine vorsätzliche Beschädigung hin.“

    Vorsätzliche Beschädigung. Sabotage.

    Der Schmerz in Peters Hüfte veränderte sich. Er war nicht länger nur ein Unfall, eine zufällige Katastrophe. Er war eine Botschaft. Jemand hatte ihn aus dem Spiel nehmen wollen. Jemand, der wusste, dass sie auf dem Studiogelände ermittelten. Jemand, der wusste, dass *er* derjenige sein würde, der klettert.

    Peter zwang sich, seine zitternde Hand zu heben. „Meine Sachen“, sagte er. „Die Kleidung von… vom Unfall. Habt ihr sie?“

    Bob nickte und hob eine durchsichtige Plastiktüte hoch, die er neben dem Stuhl abgestellt hatte. Darin lagen seine zerrissene Jeans und sein T-Shirt, bräunlich verfärbt vom Schmutz und… ja, von seinem Blut. Er hatte sie nicht einmal bemerkt. Er hatte nur Justus und Bob gesehen. Seine Initiative. Er musste etwas tun, irgendetwas, um nicht nur ein Opfer in einem Bett zu sein. Er streckte die Hand danach aus.

    Justus hielt ihn mit einem Blick zurück. „Das hilft dir jetzt nicht, Peter. Du musst dich ausruhen.“

    „Ich will sie nur sehen“, beharrte Peter.

    Widerstrebend reichte Bob ihm die Tüte. Das Plastik knisterte laut. Peter ignorierte die Jeans. Er suchte nach etwas anderem. Er erinnerte sich an den Knoten, den er gemacht hatte. Ein doppelter Achterknoten, festgezurrt an einem Stahlträger. Er hatte ihn dreimal überprüft. Er tat das immer. Es war sein Ritual. Ein guter Knoten war eine Versicherung.

    Aber die beste Versicherung nützt nichts, wenn jemand das Seil zerschneidet.

    Die Jungen blieben noch eine Weile, redeten über Belanglosigkeiten, versuchten, die Stimmung zu heben. Aber der kalte Kern der Wahrheit lag nun zwischen ihnen, unausgesprochen und schwer. Als sie gingen, versprach Bob, am nächsten Tag wiederzukommen, und Justus sagte, er würde weiter „recherchieren“.

    Peter blieb allein zurück. Das weiße Rauschen des Zimmers war jetzt anders. Es war kein Hintergrundgeräusch mehr. Es war das Schweigen nach einer Drohung. Die Schatten in den Ecken des Raumes schienen tiefer, die Tür weiter weg. Er war nicht in einem Krankenzimmer, um zu heilen. Er war in einer Falle. Und der Jäger wusste genau, wo er war.

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