Die drei ???Horror

    Kreidestaub

    by vm228m2fy8

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    Chapter 1 / 2: Kreidestaub

    Der Schmerz war ein Architekt. Er baute in ihm. Jeden Tag eine neue Etage des Elends, eine neue tragende Wand aus Qual. Peter spürte die Konstruktion in seinen Knochen, eine Kathedrale aus Fieber und zersplittertem Kalzium.

    Sein Blick wanderte die rissige Decke des Krankenzimmers entlang. Ein Fleck sah aus wie der Umriss von Kalifornien, wenn man den Kopf genau im richtigen Winkel hielt. Er hatte viel Zeit damit verbracht, den Kopf im richtigen Winkel zu halten.

    Zwei Beine in Gips, bis hoch zu den Oberschenkeln. Der linke Arm, ebenfalls ein Gefangener des weißen, kalten Materials. Die Operationen – es hatte Komplikationen gegeben, ein Wort, das die Ärzte mit ernster Miene fallen ließen wie schwere Münzen – hatten ihn hier festgenagelt. Eine lebende Statue des Scheiterns. Und der Juckreiz. Ein teuflisches, unerreichbares Kribbeln tief unter den Gipsverbänden, wo kein Stricknadelende je hinkommen würde. Er hasste das Gefühl von Kreide an seinen Fingern, das trockene, quietschende Reiben. Jetzt war sein ganzer Körper dieses Gefühl. Er war in Kreidestaub gehüllt, lebendig begraben.

    Die Tür quietschte. Justus und Bob. Sie sahen müde aus. Justus' Augen waren hinter seiner Brille klein und angespannt, und er hielt wie immer einen Notizblock umklammert, eine Festung aus Papier gegen das Chaos der Welt. Bob lächelte gequält, seine Schultern hingen herab.

    „Peter“, sagte Justus. Seine Stimme war die eines Nachrichtensprechers, der über eine ferne Katastrophe berichtet. Sachlich. Distanziert. „Du bist wach.“

    „Meistens“, krächzte Peter. Seine Kehle war trocken wie die Wüste, die er aus dem Fenster sehen konnte, wenn er den Kopf weit genug drehte. Der billige Plastikkrug auf dem Nachttisch sah aus, als würde er schmelzen, wenn man ihn zu lange in der Sonne ließe. Ein hässliches Ding.

    Bob trat näher. „Wie… wie fühlst du dich, Peter? Ernsthaft.“

    „Wie ein schlecht zusammengebautes Möbelstück.“ Ein Anflug von Galgenhumor. Er versuchte, sich aufzusetzen, aber ein scharfer Stich, der von seiner Hüfte ausging, ließ ihn zurück auf die Kissen sinken. Ein Keuchen entrang sich ihm. Der Schmerz war ein Tier, das in seinem Becken nagte.

    Justus' Blick flackerte nicht. „Wir haben mit Sergeant Reynolds gesprochen. Und mit dem Mechaniker von der Werkstatt, die den MG letztes Jahr überholt hat.“

    Peter schloss die Augen. Der MG. Sein Auto. Jetzt nur noch ein Haufen zerknülltes Metall in einer Polizeiverwahrung. „Und?“, presste er hervor. Er wollte es nicht wissen. Er wollte es wissen.

    „Die Bremsleitungen waren intakt“, sagte Bob schnell, vielleicht zu schnell. „Keine offensichtlichen Mängel.“

    „Aber der Bericht der Highway Patrol erwähnt ungewöhnliche Reifenspuren“, fügte Justus hinzu, ohne Bob anzusehen. „Fast so, als hättest du abrupt beschleunigt, anstatt zu bremsen. Kurz vor der Kurve.“

    Peter starrte ihn an. Beschleunigt? Das war Wahnsinn. Er erinnerte sich an den Fuß auf dem Pedal, an das Gefühl, wie das Blech unter seinem Stiefel nachgab, aber nichts passierte. Nur der Motor, der aufheulte, und die Felsen, die auf ihn zurasten. „Das… das stimmt nicht. Ich habe gebremst.“

    „Wir wissen, dass du das versucht hast, Peter“, sagte Bob sanft. Er legte eine Hand auf Peters unversehrte Schulter, aber die Berührung fühlte sich meilenweit entfernt an. „Justus meint nur, dass es merkwürdig ist.“

    Merkwürdig. Ein Wort, so nichtssagend und sauber. Es deckte die Wahrheit zu wie ein weißes Laken. Peter kannte seine Freunde. Er sah die Spannung in Justus' Kiefer, die Art, wie Bobs Augen immer wieder zur Tür huschten. Sie verheimlichten ihm etwas. Nicht die ganze Wahrheit. Nur die schmutzigen, scharfkantigen Teile davon. Sie dachten, er sei zu zerbrechlich. Vielleicht hatten sie recht. Aber das Gefühl, bevormundet zu werden, war fast schlimmer als der Schmerz.

    „Die Ärzte sagten, du hattest schon vor dem Unfall Fieber“, sagte Justus und schlug eine neue Seite in seinem Block auf. Ein neues Thema. Eine Ablenkung. „Kannst du dich daran erinnern?“

    Peter zögerte. Der Tag des Unfalls war ein verschwommener, fiebriger Albtraum. Er war auf dem Weg zu einem Surfwettbewerb gewesen, allein. Ein seltener Tag nur für ihn. Die Sonne brannte. Der Kopf schmerzte schon, als er losfuhr. „Ja“, flüsterte er. „Ich dachte, es wäre die Hitze.“

    „Hast du etwas Ungewöhnliches gegessen oder getrunken?“ Justus' Stift schwebte über dem Papier.

    „Nur Wasser. Aus meiner Flasche.“

    Justus und Bob wechselten einen kurzen, unleserlichen Blick. Er war so schnell, dass Peter ihn fast verpasst hätte. Aber eben nur fast. Sie wussten etwas über diese Flasche. Oder sie vermuteten etwas.

    Nachdem sie gegangen waren, mit dem Versprechen, morgen wiederzukommen und ihm ein Buch von der Leihbücherei mitzubringen, lag Peter allein in der drückenden Stille des Zimmers. Die Schatten wurden länger. Das Piepen der Maschinen war sein einziger Gefährte. Die Bevormundung, das Gefühl der Nutzlosigkeit, staute sich in ihm an wie Galle. Er war der Zweite Detektiv. Der Sportliche. Der Mann für die Aktion. Und jetzt konnte er nicht einmal ein Glas Wasser ohne Hilfe erreichen.

    Nein. Er würde hier nicht einfach liegen und zerfallen.

    Mit einer gewaltigen Anstrengung, die ihm schwarze Flecken vor die Augen trieb, konzentrierte er sich. Er ignorierte den Juckreiz, den pochenden Schmerz, die klebrige Hitze unter den Decken. Er zwang seinen Verstand zurück. Zurück auf die Straße, in den MG, nur Minuten vor dem Aufprall.

    Die Sonne durch die Windschutzscheibe. Das Lenkrad heiß unter seinen Handflächen. Das Radio spielte eine dieser Bands, die Bob mochte und die er heimlich schrecklich fand. Und das Fieber. Es kam nicht schleichend. Es war ein plötzlicher Anstieg, eine Welle, die ihn überrollte. Er griff nach seiner Wasserflasche, die auf dem Beifahrersitz lag. Eine große, wiederverwendbare aus Metall. Er schraubte sie auf, nahm einen tiefen Schluck.

    Und da war es.

    Die Erinnerung traf ihn so hart wie ein physischer Schlag. Das Wasser. Es hatte nicht wie Wasser geschmeckt. Es war… süßlich gewesen. Nicht zuckersüß, sondern auf eine seltsame, fast blumige, chemische Weise. Er hatte es damals auf die Hitze geschoben, darauf, dass die Metallflasche vielleicht einen Geschmack abgab. Er hatte nicht darüber nachgedacht. Er hatte einfach weitergetrunken.

    Ein Muskel in seinem eingegipsten Bein zuckte unkontrolliert und sandte eine frische, blendende Schmerzwelle durch seinen Körper. Er zischte durch die zusammengebissenen Zähne. Es war nicht der Schmerz, der ihm den Atem raubte. Es war die plötzliche, eiskalte Erkenntnis, die sich in seinem fiebrigen Gehirn festsetzte.

    Der Unfall war nicht der Anfang gewesen. Er war das Ende von etwas, das schon vorher begonnen hatte. Etwas war schon in ihm, lange bevor das Metall sich verbog.

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