Der Schmerz war ein heißer Draht, der von seiner Hüfte bis ins Knie verlief. Mal pochte er dumpf im Rhythmus seines Herzens, mal stach er so scharf zu, dass Peter die Zähne zusammenbeißen musste, um nicht aufzuschreien. Das Fieber machte alles schlimmer. Es legte einen klebrigen Film auf seine Haut und ließ die Ränder der Welt verschwimmen. Die weißen Wände seines Krankenzimmers schienen zu atmen.
Ein Geräusch trieb ihn in den Wahnsinn. Tropf. Tropf. Tropf. Irgendwo im kleinen angrenzenden Bad musste der Wasserhahn lecken. Ein langsamer, unerbittlicher Wassertropfen-Folter-Rhythmus, der sich in sein Gehirn fraß. Er hatte es der Schwester gesagt. Sie hatte gelächelt, „Ich kümmere mich darum, junger Mann“, gesagt und war verschwunden. Das war vor drei Stunden. Das Tropfen war geblieben.
Sein Mittagessen stand noch unberührt auf dem Beistelltisch. Ein Stück undefinierbares Fleisch, Kartoffelbrei aus der Packung und ein kleiner Plastikbecher mit giftgrüner Götterspeise. Allein der Anblick dieses zitternden, durchsichtigen Dings ließ ihm den Magen umdrehen. Es war die Konsistenz. Falsch. Weder fest noch flüssig, eine kulinarische Lüge. Er schob das Tablett ein paar Zentimeter weiter weg.
Er schloss die Augen und sofort war er wieder da. Auf dem Gerüst. Das Gefühl der Sonne im Nacken, der Geruch von frischer Farbe und Sägemehl. Er hatte die Stabilität geprüft, so wie er es immer tat. Alles fest. Und dann, als er sich zur nächsten Strebe hinüberlehnte, dieses Geräusch. Kein Knacken von Holz. Eher ein kurzes, metallisches Reißen. Ein Ruck. Und dann nichts als Luft unter seinen Füßen und der schreiende, panische Gedanke: *Nicht schon wieder.*
Die Tür ging auf und riss ihn aus der Erinnerung. Justus und Bob. Ein Anblick, der ihn gleichzeitig mit Freude und einem Stich von Neid erfüllte. Sie standen auf ihren eigenen zwei Beinen.
„Na, Zweiter? Bekämpfst du erfolgreich die heimtückische Langeweile?“, fragte Justus. Seine Augen scannten den Raum, registrierten das unberührte Essen, die schweißnasse Stirn, den Monitor neben dem Bett. Sein Gehirn arbeitete immer, analysierte, kategorisierte. Wärme gehörte nicht zu seinen Standardeinstellungen.
„Hey, Pete“, sagte Bob sanfter. Er trug einen Stapel Bücher unter dem Arm. Natürlich. „Du siehst … besser aus.“
Eine freundliche Lüge. Peter spürte das Fieber wie eine zweite Haut. „Lügner“, krächzte er, aber ein kleines Lächeln zuckte um seine Lippen. „Was gibt’s? Hat jemand Tante Mathildas Kirschkuchen gestohlen?“
Justus zog einen Stuhl heran, seine Bewegungen präzise und ungeduldig. „Besser. Wir haben einen neuen Fall.“
Peter stöhnte. „Just. Ich kann kaum aufrecht sitzen.“
„Du musst auch nicht sitzen. Du musst zuhören“, erwiderte der erste Detektiv ungerührt. „Dein Gehirn ist nicht gebrochen. Hoffe ich jedenfalls.“
Bob stieß ihm den Ellbogen in die Seite. „Was Just sagen will, ist, dass wir deine Meinung hören wollten.“
Justus ignorierte ihn und legte los. „Eine Klientin. Mrs. Gable. Ihr Mann, ein Uhrmacher namens Arthur Gable, ist vor zwei Wochen gestorben. Herzinfarkt, sagt die Polizei. Nichts Verdächtiges.“
„Und?“, fragte Peter. Sein Kopf fühlte sich an wie Watte.
„Arthur Gable hat ihr nichts hinterlassen. Kein Testament, kein Geld. Nur eine kleine, verschlossene Holzkiste und einen einzelnen, verzierten Uhrzeiger. Die Kiste ist aus Eisenholz, kein Schloss zu sehen. Sie lässt sich nicht öffnen.“
Peter versuchte, sich aufzurichten, doch der heiße Draht in seiner Hüfte zog sich augenblicklich straff. Er zischte und sank zurück in die Kissen.
„Die Polizei hat den Fall zu den Akten gelegt. Routine“, fuhr Justus fort, während Bob ihm besorgt ein Glas Wasser reichte.
Bob zögerte. „Obwohl ein paar Dinge am Fundort seltsam waren …“
„Nebensächlichkeiten“, unterbrach Justus ihn scharf und warf Bob einen warnenden Blick zu. Er wandte sich wieder an Peter. „Mrs. Gable ist überzeugt, dass ihr Mann ihr eine Nachricht hinterlassen hat. Sie glaubt, der Zeiger ist der Schlüssel. Sie will, dass wir herausfinden, was es bedeutet.“
Ein Uhrmacher, der eine Kiste und einen Zeiger hinterlässt. Es klang wie der Anfang eines Rätsels von Justus’ Visitenkarte. Normalerweise würde sein Spürsinn anspringen. Jetzt spürte er nur das Pochen in seinem Knochen und den unerträglichen Rhythmus des tropfenden Hahns. Er war hier gefangen, ein nutzloser zweiter Detektiv. Die Frustration kochte in ihm hoch, heißer als das Fieber.
„Ich bin raus, Just“, sagte er tonlos. „Sucht euch für diesen Fall einen anderen Zweiten.“
Stille. Justus starrte ihn an, seine Miene undurchdringlich. Bob sah unglücklich zu Boden. Es war das Falsche, das wusste Peter, aber die Worte waren ihm einfach so herausgerutscht. Er war nicht Teil des Teams. Er war ein Patient. Eine Last.
Justus stand nicht auf. Er zog sein Handy aus der Tasche. „Vielleicht ändert das deine Meinung.“
Er beugte sich vor und hielt Peter das Display hin. Es zeigte ein Foto. Ein Makrofoto des Uhrzeigers, den Bob offenbar bei der Klientin gemacht hatte. Er war aus Messing, filigran gearbeitet, mit kleinen Ranken, die sich um den Schaft wanden. Ein schönes Stück Handwerkskunst. Peter wollte gerade abwinken, es als uninteressant abtun, als sein Blick an etwas hängenblieb.
Am unteren Ende des Zeigers, dort, wo er auf das Uhrwerk gesteckt würde, war eine winzige Markierung. Kaum sichtbar. Es war kein Stempel des Herstellers. Es war ein Kratzer. Oder eine Gravur. Eine kleine, scharf gezogene, V-förmige Kerbe.
Peter starrte auf das Bild. Das V.
Der heiße Draht in seiner Hüfte schien plötzlich eiskalt zu werden. Das Pochen in seinem Kopf verstummte, übertönt von einem leisen Rauschen. Er kannte diese Markierung. Er wusste nicht woher, nicht warum, aber das Bild dieses kleinen, unscheinbaren Kratzers auf dem Messing löste in ihm ein Gefühl von tiefem, kaltem Unbehagen aus. Es war wie das Echo eines Schreis, den er fast vergessen hatte.
„Zeig das nochmal“, flüsterte er, seine Stimme kaum mehr als ein Hauch. „Zoom ran. Genau da.“
Justus' Finger glitt über den Bildschirm. Die V-förmige Kerbe füllte das Display. Und mit einem Mal war der Fall nicht mehr nur ein Job. Er war etwas anderes. Etwas Persönliches.
Das Tropfen aus dem Bad schien lauter zu werden. Tropf. Tropf. Es zählte die Sekunden.