Die drei ??? v2Dark & Thriller

    Doppeltes Spiel

    Der Nebel schluckte das Geräusch ihrer Schritte, als die drei Detektive den Fischerkai verließen. Die gedämpfte, ängstliche Atmosphäre der verbarrikadierten Hütte klebte an ihnen wie die feuchte Salzluft. Für einen Moment sagte niemand ein Wort.

    „Ein Schatten, der Leute holt“, sagte Peter schließlich und stieß die Luft aus den Lungen. „Wenn ihr mich fragt, ist der alte Abernathy einfach nur durchgedreht. Die Einsamkeit, der Aberglaube...“

    „Das Knarren der Diele war nicht eingebildet, Peter“, widersprach Bob leise. Er blickte sich über die Schulter um, zurück in die graue Suppe, die den Pier verschleiert hatte. „Ich habe es gehört. Deutlich. Da war jemand.“

    „Selbst wenn“, entgegnete Peter. „Irgendein neugieriger Fischer, der gelauscht hat. Das muss nicht gleich der geheimnisvolle ‚Wächter‘ sein.“

    Justus, der mit in Falten gelegter Stirn vorneweg gegangen war, blieb stehen. „Deine Skepsis ist wie immer ein notwendiges Korrektiv, Peter. Abernathy ist verängstigt und seine Geschichte mag von Aberglauben durchdrungen sein. Doch die Fakten, die er uns geliefert hat, sind handfest.“ Er begann, die Punkte an seinen Fingern abzuzählen. „Erstens: Die Karte gehörte zweifelsfrei Henry Colman. Zweitens: Colman war von der Idee eines Schatzes besessen und ist bei der Suche danach verschwunden. Drittens: Vor Colman verschwand ein Sporttaucher namens Parker, der die Karte ebenfalls besaß. Das etabliert ein Muster.“

    Er machte eine Pause und sein Blick wurde scharf. „Und viertens, der wichtigste Punkt: Jemand anderes sucht nach dieser Karte. Jemand, der es für nötig hielt, einen alten Mann einzuschüchtern und unser Gespräch zu belauschen.“ Justus sah seine Freunde an. „Ob dieser Jemand nun ein ‚Schatten‘ ist oder ein gewöhnlicher Krimineller, ist vorerst unerheblich. Tatsache ist, wir sind nicht allein in diesem Spiel. Wir müssen Dr. Reed informieren.“

    Die Suche nach der Archäologin erwies sich als einfacher als gedacht. Justus‘ logische Schlussfolgerung war, dass eine Person ihres Formats und mit ihren offensichtlichen Mitteln nicht in einem der schäbigen Motels am Highway absteigen würde. Ein Anruf beim ‚Ocean View Grand Hotel‘, dem teuersten und elegantesten Haus am Platz, bestätigte seine Vermutung. Missis Evelyn Reed war dort eingecheckt.

    Das Hotel war eine andere Welt. Dicke Teppiche schluckten jedes Geräusch, unaufdringliche klassische Musik schwebte durch die luftige Lobby, und durch die riesigen Panoramafenster hatte man einen ungestörten Blick auf den Pazifik, dessen Wellen in der Abenddämmerung sanft an den Strand rollten. Es war ein Ort der Ruhe und des Luxus, der in krassem Gegensatz zur rauen Realität des Fischerkais stand.

    Sie fanden Dr. Reed in der gediegenen Hotelbar. Sie saß allein an einem kleinen Tisch am Fenster, ein Glas Wasser vor sich, und studierte eine Reihe von Ausdrucken, die vor ihr ausgebreitet lagen. Sie trug eine elegante, aber schlichte Bluse und wirkte so ruhig und gesammelt, als hätte sie den ganzen Tag nichts anderes getan. Sie bemerkte die Jungen, als sie sich näherten, und eine winzige Falte erschien zwischen ihren Augenbrauen.

    „Justus, Peter, Bob“, sagte sie mit einem knappen Nicken und deutete auf die Stühle ihr gegenüber. „Ich hatte gehofft, bald von Ihnen zu hören. Gibt es Fortschritte?“

    Justus setzte sich, gefolgt von Peter und Bob, die von der opulenten Umgebung sichtlich eingeschüchtert waren. „Durchaus, Dr. Reed“, begann Justus und legte seine Hände auf dem polierten Holztisch zusammen. „Wir haben mit Mr. Abernathy gesprochen.“

    Präzise und ohne Umschweife legte Justus die Fakten dar: Die Verbindung der Karte zu Henry Colman, ihre Herkunft aus dessen angespülter Ausrüstungskiste, die Erwähnung des vorherigen verschwundenen Besitzers, des Tauchers Parker. Während er sprach, beobachtete er Dr. Reeds Reaktion genau. Ihr Gesicht blieb eine undurchdringliche Maske. Keine Überraschung, kein Schock. Nur konzentrierte Aufmerksamkeit. Ihre kühlen grauen Augen wanderten von Justus zu Bob und Peter, als würde sie die Glaubwürdigkeit jedes Wortes abwägen.

    „...und schließlich“, schloss Justus, „hat Abernathy uns gewarnt. Es gibt noch jemanden, der nach der Karte sucht. Einen Unbekannten, den er nur als ‚Schatten‘ beschreibt. Diese Person hat ihn bereits bedrängt und, wie wir Grund zu der Annahme haben, auch unser Gespräch am Pier belauscht.“

    Hier endlich zeigte Dr. Reed eine Reaktion. Sie lehnte sich langsam zurück und ihre Finger trommelten einmal, kaum hörbar, auf die Tischplatte. „Ein Konkurrent“, sagte sie leise. Es klang nicht wie eine Frage, sondern wie eine Bestätigung.

    „Das scheint die einzig logische Erklärung zu sein“, sagte Justus. „Abernathys Beschreibung war vage, aber die Bedrohung scheint real zu sein.“

    Dr. Reed nahm einen Schluck Wasser. „Das ist... eine Komplikation.“ Sie sah aus dem Fenster auf die dunkler werdende See. „Die Welt der Unterwasserarchäologie ist klein. Funde wie die U-404 ziehen nicht nur Wissenschaftler an, sondern auch Schatzjäger und Plünderer, die nur am materiellen Wert interessiert sind. Es ist möglich, dass jemand von der Existenz der Karte Wind bekommen hat.“

    „Abernathy hatte panische Angst“, warf Bob ein. „Das wirkte nicht wie die Sorge vor einem konkurrierenden Akademiker.“

    Dr. Reed wandte ihren Blick wieder den Jungen zu. Ein schwaches, fast mitleidiges Lächeln umspielte ihre Lippen. „Ein verängstigter alter Mann, der an Flüche glaubt, sieht in jedem Schatten ein Monster, Mr. Andrews. Die Realität ist meist banaler. Und gefährlicher.“ Sie beugte sich vor, ihre Stimme wurde leiser, eindringlicher. „Diese Entwicklung bedeutet nur eines: Wir müssen schneller sein. Das Wrack muss gefunden und dokumentiert werden, bevor es jemand anderes plündert und für die Wissenschaft für immer zerstört.“

    „Was sollen wir als Nächstes tun?“, fragte Peter.

    „Die Kette zurückverfolgen“, antwortete Dr. Reed prompt. „Wenn dieser Parker die Karte vor Colman hatte, müssen wir mehr über ihn herausfinden. Wer war er? Wo hat er getaucht? Mit wem hat er gesprochen? Jede Information über ihn könnte uns der Herkunft der Karte und der Identität unseres ‚Schattens‘ näherbringen.“ Sie schob einen der Ausdrucke, die sie gelesen hatte, über den Tisch. Es war eine stark vergrößerte Satellitenaufnahme des Küstenstreifens, auf der Tiefenlinien digital eingezeichnet waren. „Während Sie Abernathy befragt haben, habe ich die geologischen Daten der Region analysiert. Die handgezeichneten Angaben auf der Karte sind erstaunlich präzise für die damalige Zeit. Der Kapitän der U-404 wusste genau, was er tat.“

    Sie stand auf. Das Gespräch war für sie offensichtlich beendet. „Finden Sie alles über diesen Parker heraus. Melden Sie sich, sobald Sie etwas Substanzielles haben. Und seien Sie wachsam. Wer auch immer unser Konkurrent ist, er weiß jetzt, dass Sie für mich arbeiten.“

    Ohne ein weiteres Wort sammelte sie ihre Papiere, legte einen Geldschein für ihr Wasser auf den Tisch und ging mit ruhigen, gemessenen Schritten in Richtung der Aufzüge. Sie drehte sich nicht mehr um.

    Zurück in der Zentrale war die Stimmung angespannt. Der Kontrast zwischen dem luxuriösen Hotel und dem chaotischen Schrottplatz schien die Widersprüche des Falls zu unterstreichen. Peter lief unruhig auf und ab.

    „Ich weiß nicht, was ich von ihr halten soll“, sagte er und fuhr sich durch die Haare. „Sie tut so, als wäre ein geheimnisvoller Verfolger das Normalste der Welt. ‚Eine Komplikation‘. Sagt sie das auch, wenn ihr Reifen platzt?“

    „Sie ist eine Frau, die an Ergebnisse gewöhnt ist, nicht an Hindernisse“, sagte Justus nachdenklich. Er saß am Tisch und starrte auf eine Kopie der Seekarte, die er angefertigt hatte. „Ihre Reaktion war kontrolliert. Vielleicht zu kontrolliert. Aber ihr Auftrag ist klar: Wir sollen Informationen über den Taucher namens Parker beschaffen.“

    Während Justus und Peter die nächsten Schritte diskutierten, hatte Bob sich bereits an seinen Schreibtisch gesetzt. Der Computer summte leise. Er öffnete die Suchmaske der digitalen Ausgabe des *Rocky Beach Guardian* und gab „Parker“ und „vermisst“ ein. Er fand schnell einen kurzen Artikel von vor einigen Monaten. *Sporttaucher Alan Parker nach Tauchgang nicht zurückgekehrt. Boot leer aufgefunden.* Die Details waren spärlich und ähnelten auf unheimliche Weise dem Bericht über Henry Colman.

    Doch Bob gab sich damit nicht zufrieden. Eine Eingebung ließ ihn eine andere Suche starten. Er hatte Dr. Reeds Reaktion auf die Nachricht von einem Konkurrenten nicht vergessen. Ihre fast unnatürliche Ruhe. Wer war diese Frau wirklich?

    Er gab ihren Namen in die Suchleiste einer internationalen Nachrichten- und Wissenschaftsdatenbank ein. *Dr. Evelyn Reed, Archäologie*.

    Dutzende Treffer erschienen. Fachartikel über römische Galeeren im Mittelmeer, Abhandlungen über die Navigationstechniken der Wikinger. Alles seriös und hoch angesehen. Bob scrollte weiter. Dann stieß er auf einen Artikel aus einem britischen Nachrichtenmagazin, der etwa zwei Jahre alt war. Die Überschrift war unauffällig, aber der darunter liegende Teaser ließ ihn innehalten.

    *Streit um die ‚Odessa‘: Archäologen-Team nach tragischem Unfall unter Beschuss.*

    Er klickte darauf. Der Artikel beschrieb eine Expedition im Schwarzen Meer unter der Leitung von Dr. Evelyn Reed. Ihr Team hatte ein legendäres Wrack aus dem 18. Jahrhundert gefunden. Doch es gab einen Unfall. Ein Taucher, ein erfahrener russischer Experte, kam bei einem unplanmäßigen Nachttauchgang ums Leben. Offizielle Version: technisches Versagen der Ausrüstung. Aber der Artikel zitierte auch anonyme Quellen aus dem Team, die von rücksichtslosem Ehrgeiz sprachen, von ignorierten Sicherheitsbedenken und von einem Streit zwischen Dr. Reed und dem verunglückten Taucher – kurz vor dessen letztem Tauchgang. Angeblich ging es um die Besitzansprüche an den gefundenen Artefakten. Die Untersuchung wurde ergebnislos eingestellt, aber ein Schatten blieb auf Dr. Reeds Reputation zurück.

    Bob las die Zeilen zweimal. Ein Taucherunfall. Ein Streit. Rücksichtsloser Ehrgeiz. Die Worte hallten in seinem Kopf wider.

    „Justus. Peter“, sagte er. Seine Stimme klang ungewohnt belegt. „Ihr solltet euch das mal ansehen.“

    Sie traten hinter ihn und blickten auf den Bildschirm. Ihre Blicke folgten seinem Finger zur letzten Zeile des Artikels, einem Zitat eines nicht namentlich genannten Kollegen: *„Evelyn bekommt immer, was sie will. Koste es, was es wolle. Manchmal ist der Preis nur höher als erwartet.“*

    Die Stille in der Zentrale wurde plötzlich schwer und bedrohlich, aufgeladen mit dem Wissen, dass der Fluch der U-404 vielleicht nicht das Einzige war, wovor sie sich in Acht nehmen mussten.

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