Harry PotterRomance

    Das falsche Gesicht im Mondlicht

    Jeder Schritt hallte in Bellas Ohren wie ein Verrat. Das kalte Echo ihrer Sohlen auf den Steinplatten des Kerkers war ein Schuldbekenntnis. Sie bewegte sich wie ein Geist durch die schlafenden Korridore von Hogwarts, ein Schatten, der sich an den Wänden entlangstahl. Ihr Vater hatte sie gelehrt, sich lautlos zu bewegen, eine Kunst, die sie nun gegen ihn einsetzte. Die Ironie war so bitter wie die Galle, die ihr in der Kehle aufstieg.

    Der Weg zum Astronomieturm war ein Labyrinth aus Erinnerungen. Jeder Torbogen, jede Rüstung, die im Mondlicht glänzte, schien sie anzuklagen. Sie mied die Haupttreppen und nahm stattdessen einen weniger bekannten, gewundenen Aufgang hinter einem Wandteppich der weinenden Gargoyles. Die Luft wurde dünner, kühler. Der Geruch von feuchtem Stein und alter Magie wich einem Hauch von Nacht und unendlicher Weite.

    Die Wendeltreppe des Turms schraubte sich endlos in die Höhe. Mit jeder Stufe hämmerte ihr Herz heftiger gegen ihre Rippen. Ein Teil von ihr schrie, dass dies Wahnsinn sei. Malfoy. Der Astronomieturm. Es war eine Kombination, die nur in einer Falle oder einem grausamen Scherz enden konnte. Die Erinnerung an Harrys Hand in ihrer, als sie hier oben standen und die Konstellationen über sich hinwegziehen sahen, war ein scharfer Schmerz. Sie schob ihn beiseite. Das hier war etwas anderes. Das war kein wehmütiger Rückblick. Das war ein Sprung ins Ungewisse.

    Endlich erreichte sie die oberste Plattform. Der Wind zerrte an ihrem Umhang und peitschte ihr die Haare ins Gesicht. Der Mond war eine gleißende Sichel am samtschwarzen Himmel, der die Zinnen des Turms in ein silbernes, geisterhaftes Licht tauchte.

    Dort stand jemand.

    Eine Gestalt, mit dem Rücken zu ihr, die Arme auf die Brüstung gestützt, blickte hinaus auf die verbotenen Wälder. Die Silhouette war groß und schlank, aber die Schultern waren breiter, die Haltung entspannter als die angespannte Arroganz, die sie mit Draco Malfoy verband. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Das war nicht er.

    Langsam, als würde die Bewegung die Realität zementieren, drehte sich die Gestalt um. Im fahlen Mondlicht erkannte Bella das ruhige, fast unbewegte Gesicht von Blaise Zabini.

    Ein eisiger Schauer, der nichts mit der Nachtkälte zu tun hatte, lief ihr über den Rücken. Die anfängliche Angst wich einer Welle von Wut und Demütigung. Sie fühlte sich wie eine Närrin.

    „Wo ist er?“, zischte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern, das der Wind beinahe verschluckte. Sie umklammerte ihren Zauberstab, der in ihrer Tasche verborgen war.

    Blaise hob nur eine Augenbraue, seine Miene blieb undurchdringlich. „Er wusste, dass du kommen würdest.“ Seine Stimme war tief und ruhig, ein Kontrast zu dem Sturm, der in Bella tobte.

    „Das ist keine Antwort, Zabini. Ich bin nicht hier, um mit dir Verstecken zu spielen. Wo ist Malfoy?“

    „Genau hier“, sagte Blaise und tippte sich mit einem Finger gegen die Brust. „Für alle praktischen Zwecke.“ Er trat einen Schritt näher, aus dem tiefsten Schatten heraus. Er trug keine Schuluniform, sondern dunkle, unauffällige Kleidung. Er sah nicht aus wie ein Schüler, der sich für einen nächtlichen Streich aus dem Bett geschlichen hatte. Er sah aus wie jemand mit einer Mission.

    „Ich verstehe nicht“, sagte Bella und der Zorn in ihrer Stimme wich einer wachsenden Verwirrung.

    „Das war ein Test, Snape“, erklärte Blaise kühl. „Er musste wissen, ob du allein kommst. Ob du diskret sein kannst. Ob du nicht sofort zu Potter oder deinem allwissenden Vater rennst.“ Jedes Wort war ein kleiner, präziser Stich. Er musterte sie, als wäre sie ein Trank, dessen Bestandteile er analysierte.

    Die Beleidigung brannte. „Ein Test? Er schickt mich mitten in der Nacht auf einen Turm, um mich von seinem Lakaien überprüfen zu lassen?“

    „Ich bin nicht sein Lakai“, erwiderte Blaise ohne eine Spur von Ärger. „Ich bin sein Freund. Und er braucht jemanden, dem er vertrauen kann. Im Moment ist diese Liste sehr kurz.“

    Diese Aussage ließ Bella innehalten. *Er braucht jemanden.* Das klang nicht nach dem arroganten, selbstsicheren Draco Malfoy, den sie kannte. Es klang… verzweifelt. Die seltsame Wärme, die sie bei seinem Anblick in der Großen Halle gespürt hatte, kehrte zurück, diesmal gemischt mit einem unbehaglichen Mitgefühl.

    „Warum? In was für Schwierigkeiten steckt er?“

    Blaise schüttelte den Kopf. „Das ist nicht meine Sache, es zu erzählen. Aber er dachte, du würdest vielleicht verstehen.“ Er griff in die Innentasche seines Umhangs und zog einen kleinen Gegenstand hervor. Er hielt ihn auf seiner offenen Handfläche hin.

    Es war ein Medaillon. Klein und aus Silber, aber es war angelaufen und dunkel, die Kanten abgenutzt, als wäre es durch unzählige Hände gegangen. Ein verschlungenes ‚S‘ war auf der Vorderseite eingraviert, kaum noch zu erkennen. Es war alt, ein Erbstück vielleicht, aber es passte überhaupt nicht zu dem polierten, makellosen Bild der Malfoys.

    „Was ist das?“, fragte Bella und starrte auf das Objekt.

    „Ein Anfang“, sagte Blaise. „Er sagte, du würdest wissen, was damit zu tun ist.“

    Bella lachte leise und ohne Humor auf. „Das ist absurd. Ich weiß gar nichts.“ Sie streckte die Hand nicht aus, um es zu nehmen.

    „Noch nicht“, korrigierte Blaise sie sanft. „Draco kann sich im Moment nicht frei bewegen. Er wird beobachtet. Von allen Seiten. Aber du… du bewegst dich in anderen Kreisen. Du bist die Tochter von Severus Snape. Du hast Zugang zu Orten und Informationen, die für ihn unerreichbar sind.“

    Die Erwähnung ihres Vaters ließ sie erstarren. Dies war also der Kern der Sache. Es ging nicht um sie. Es ging um ihren Namen. Um ihre Herkunft. Sie war nur ein Werkzeug, ein Schlüssel.

    „Also will er mich benutzen“, stellte sie fest, die Enttäuschung schnürte ihr die Kehle zu.

    „Er will überleben“, sagte Blaise mit einem Nachdruck, der sie erschreckte. Er trat noch einen Schritt näher und drückte ihr das kalte Metall des Medaillons in die Hand. Ihre Finger schlossen sich instinktiv darum. Es war überraschend schwer. „Die Dinge sind nicht so, wie sie scheinen, Bella. Nicht für ihn. Und vielleicht auch nicht für dich.“

    In diesem Moment, als sie das Gewicht des Medaillons in ihrer Hand spürte, hörten sie es.

    Ein leises, aber unverkennbares Knarren von unten. Die schwere Eichentür am Fuß der Wendeltreppe wurde geöffnet.

    Panik schoss wie Eis durch Bellas Adern. Schritte. Langsam, schleifend. Filch. Es musste Filch sein, auf seiner nächtlichen Patrouille. Wenn er sie hier fand… wenn er sie mit Blaise Zabini fand…

    Blaise reagierte sofort. Er packte sie am Arm – seine Berührung war fest, aber nicht grob – und zog sie mit sich in die tiefsten Schatten hinter ein riesiges, staubbedecktes Teleskop. Er drückte sie gegen die kalte Steinmauer und stellte sich schützend vor sie, eine dunkle Silhouette in der Dunkelheit. Er legte einen Finger auf seine Lippen.

    Sie wagte nicht zu atmen. Das Medaillon in ihrer Hand fühlte sich an wie ein glühender Stein. Die Schritte kamen näher, die Treppe hinauf. Ein, zwei, drei… ein Dutzend Stufen. Dann hielten sie inne. Eine lange, quälende Stille folgte, in der nur der Wind heulte. Bella konnte das Hämmern ihres eigenen Pulses in ihren Ohren hören, so laut, dass sie fürchtete, der Eindringling könnte es ebenfalls hören.

    Ein Räuspern. Ein Murmeln. Und dann entfernten sich die Schritte wieder, die Treppe hinunter. Die Tür knarrte erneut, als sie ins Schloss fiel.

    Stille.

    Sie blieben noch einen langen Moment reglos stehen. Blaises Hand ließ ihren Arm los. „Du musst gehen“, flüsterte er, seine Stimme war nun dringend. „Sofort. Nimm einen anderen Weg zurück.“

    „Aber das Medaillon… was soll ich…“

    „Finde es heraus“, unterbrach er sie. „Das war immer der Plan.“

    Ohne ein weiteres Wort trat er aus den Schatten. Er warf ihr einen letzten, langen Blick zu, ein Ausdruck in seinen Augen, den sie nicht deuten konnte – eine Mischung aus Warnung und vielleicht sogar Respekt. Dann, mit einer Gewandtheit, die sie ihm nicht zugetraut hätte, schwang er sich über die Brüstung, fand Halt an einem Vorsprung, den sie im Dunkeln nicht sehen konnte, und verschwand in der Nacht.

    Bella stand allein auf dem Turm, der Wind riss an ihren Kleidern. Die Angst war verflogen und hatte eine erschöpfte, aber elektrisierende Klarheit hinterlassen. In ihrer fest geschlossenen Faust lag das angelaufene silberne Medaillon.

    Die Trauer um Harry war nicht verschwunden, aber sie war in den Hintergrund getreten, verdrängt von etwas Neuem, etwas viel Gefährlicherem. Sie hatte das leise Ertrinken in ihrem Kummer gegen ein offenes, stürmisches Meer eingetauscht. Sie blickte auf ihre Hand. Das ‚S‘ auf dem Medaillon schien sie im fahlen Mondlicht anzustarren.

    Sie war nicht mehr nur das Mädchen mit dem gebrochenen Herzen. Sie war jetzt die Hüterin eines Geheimnisses, das sie nicht verstand, eines Geheimnisses, das nach Ärger schmeckte und vielleicht, nur vielleicht, nach einer Art von Rettung.

    Loved this chapter? Share it with friends

    One tap to your favorite network — your link opens with the cover and a ready-made caption.

    Sign in to leave a review

    Generate your own Harry Potter story →

    Generate your own story

    Free AI fanfiction generator — create a chapter in 30 seconds.

    No account needed for your first chapter.