Das Gespräch mit Justus hatte die letzte Barriere eingerissen. Die dünne Membran aus fiebriger Gleichgültigkeit, die ihn vor der vollen Wucht der Angst geschützt hatte, war zerfetzt. Jetzt lag Peter in der Dunkelheit, hellwach und mit jedem Nerv angespannt. Die Stille war eine Lüge. Unter ihr lauerte das Wissen, das Justus ihm wie ein Gift injiziert hatte. *Du lebst noch.*
Jeder Schatten im Zimmer war ein potenzieller Feind. Der Kleiderschrank eine gedrungene Gestalt, die wartete. Der Vorhang vor dem schwarzen Fenster eine Verhüllung, hinter der ein Gesicht lauerte. Das Tropfen des Wasserhahns war unerträglich geworden. Es war kein Zählen von Sekunden mehr. Es war das Geräusch eines fallenden Steins in einem tiefen, dunklen Brunnen. Und er wusste nicht, wann der Aufprall kommen würde.
Er versuchte, seine Atmung zu kontrollieren, so wie er es bei anstrengenden Kletterpartien tat. Langsam ein. Langsam aus. Aber die Luft in dem sterilen Raum fühlte sich verbraucht an, vergiftet von seiner eigenen Paranoia. Er war ein Tier in einer Falle. Verletzt, ausgestellt. Ein perfektes Ziel.
Die taube Schlange in seiner Hüfte begann wieder, Nadelstiche auszusenden. Ein Zeichen, dass die Wirkung des Schmerzmittels nachließ. Er wollte nach der Schwester klingeln, nach einer neuen Dosis fragen, die ihn zurück in die rettende Betäubung schicken würde. Aber der Gedanke, jetzt einen Fremden ins Zimmer zu lassen, war ihm unerträglich. Wer konnte er noch trauen?
Er schloss die Augen und zwang sich, an etwas anderes zu denken. An den Geruch von Salzwasser am Strand von Rocky Beach. An den Geschmack von Tante Mathildas Kirschkuchen. Nichts half. Unter allem lag die kalte, scharfe Form des V.
Irgendwann in den Stunden vor der Dämmerung muss er doch weggedriftet sein. Nicht in Schlaf, eher in einen Zustand der Erschöpfung, in dem die Gedanken langsamer flossen und die Angst sich zu einem dumpfen Pochen im Hintergrund zurückzog. Er meinte, ein Geräusch gehört zu haben. Ein leises Schaben, so subtil wie das Streichen eines Vogelflügels an einer Fensterscheibe. Und dann ein kaum wahrnehmbares Klicken, als die Tür wieder ins Schloss fiel. Ein Luftzug. Ein Traum. Er versank tiefer.
Als er das nächste Mal die Augen öffnete, hatte sich die Welt verändert. Ein blasses, graues Licht sickerte durch die Lamellen des Rollos und malte Streifen auf den Boden. Die Nacht war vorbei. Das Tropfen im Bad war noch da, ein treuer, grausamer Begleiter. Aber etwas anderes war anders.
Sein Blick wanderte durch den Raum, träge und noch immer benebelt. Der Stuhl, auf dem Justus gesessen hatte. Der unberührte Nachttisch. Das Fußende seines Bettes.
Er erstarrte.
Dort, auf der straff gespannten weißen Decke, genau in der Mitte am Fußende, stand etwas. Ein kleiner, dunkler Gegenstand, kaum größer als seine Faust. Eine Silhouette gegen das graue Morgenlicht.
Es war nicht dort gewesen, als er eingeschlafen war. Dessen war er sich absolut sicher.
Sein Herz begann, einen schnellen, harten Rhythmus gegen seine Rippen zu schlagen. Er versuchte sich einzureden, dass eine Schwester es dagelassen hatte. Ein Stück Dekoration. Ein seltsames Geschenk von der Verwaltung. Aber er wusste, dass das eine Lüge war. Das leise Schaben. Das Klicken der Tür. Es war kein Traum gewesen.
Jemand war hier drin gewesen. Während er schlief. Jemand war an sein Bett getreten, hatte ihn angesehen und dieses Ding dort platziert.
Die Angst war nicht mehr abstrakt. Sie war eiskalt und physisch. Sie kroch ihm den Rücken hinauf und ließ ihm die Haare zu Berge stehen. Er musste wissen, was es war. Er musste es sehen.
Das Objekt war außer Reichweite. Zwei Meter, die sich anfühlten wie ein Abgrund. Er lehnte sich langsam vor, doch der Schmerz in seiner Hüfte explodierte augenblicklich. Ein unterdrücktes Keuchen entfuhr ihm. Er sank zurück und biss sich auf die Lippe, um nicht zu schreien. Tränen der Frustration und des Schmerzes stiegen ihm in die Augen.
Sein Blick fiel auf die Greifzange, die die Krankenschwester ihm neben das Bett gestellt hatte, damit er heruntergefallene Dinge aufheben konnte. Ein billiges Aluminiumgestell mit einem Pistolengriff und zwei kleinen Plastikklauen am Ende. Gestern noch hatte er es als demütigendes Symbol seiner Hilflosigkeit betrachtet. Jetzt war es seine einzige Waffe, sein einziges Werkzeug.
Mit zitternder Hand griff er danach. Der Griff war kalt. Er streckte den Arm aus, die Zange verlängerte seine Reichweite. Die Plastikklauen schwebten über der Decke, zitterten mit seiner Hand. Es war ein absurdes Bild: der zweite Detektiv der drei ???, wie er mit einer Behindertenhilfe nach einem Beweisstück fischte.
Er drückte den Griff. Die Klauen schlossen sich, verfehlten das Objekt knapp. Wieder. Der Schmerz pochte in seiner Hüfte, synchron zum Pochen seines Herzens. Er atmete tief durch, konzentrierte sich. So wie er einen schwierigen Griff an einer Kletterwand anvisierte. Er schob die Zange vor, positionierte die offenen Klauen um das Objekt herum und drückte langsam, ganz langsam den Griff.
Ein leises Klacken, als das Plastik das Objekt umfasste. Er hatte es. Vorsichtig, als trüge er rohe Eier, zog er die Greifzange zurück. Sein Arm zitterte unter der Anstrengung. Endlich war das Objekt über ihm. Er öffnete die Klauen und ließ es sanft neben sich auf die Decke fallen.
Es war eine kleine, kunstvoll geschnitzte Holzfigur. Ein Vogel. Ein Rotkehlchen, mit geneigtem Kopf und wachsamen, winzigen Augen. Die Schnitzerei war von atemberaubender Qualität. Jede Feder war zu erkennen, die feine Textur des Holzes war perfekt genutzt, um das Gefieder lebensecht wirken zu lassen. Die Brust des Vogels war aus einem rötlicheren Teil des Holzes gearbeitet. Es war kein Spielzeug. Es war ein Kunstwerk.
Das Holz selbst war dunkel, fast schwarz, und unglaublich dicht und schwer, als er es in die Hand nahm. Es fühlte sich kühl und glatt an, von unzähligen Berührungen poliert.
Eisenholz. Daran gab es keinen Zweifel. Dasselbe dunkle, fast schwarze Holz, aus dem Arthur Gables unmögliche Kiste gefertigt war.
Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Das war die Verbindung. Der Mörder wusste von der Kiste. Er wusste, dass sie ermittelten. Er hatte sie beobachtet. Er hatte Justus und Bob beobachtet. Und er war hierhergekommen.
Mit einem Gefühl des nahenden Unheils drehte Peter die Figur um. Der Sockel, auf dem der Vogel stand, war flach und glatt geschliffen. Und mitten darauf, klein und scharfkantig und unverkennbar, war sie eingeritzt.
Eine V-förmige Kerbe.
Die kalte Signatur.
Die Luft wurde ihm aus den Lungen gepresst. Das war keine Warnung mehr. Das war eine Nachricht. Eine persönliche Übergabe. *Ich weiß, wer du bist. Ich weiß, wo du bist. Und ich kann jederzeit zu dir kommen.*
Der Künstler, der Handwerker tötete, war selbst einer. Ein Meister seines Fachs. Die Figur in seiner Hand war der Beweis. War das der Grund? Beseitigte er Konkurrenten? Oder war es eine verdrehte Form der Verehrung? Sammelte er Trophäen, nicht nur von seinen Opfern, sondern auch in Form seiner eigenen, perfekten Schöpfungen?
Peter umklammerte die kleine Holzfigur. Sie war kein Rätsel, das es zu lösen galt. Sie war ein Urteil. Der Vogel in seiner Hand schien ihn anzustarren, sein geschnitzter Kopf geneigt, als lausche er auf etwas. Auf das Tropfen des Wasserhahns. Auf den schwachen, flatternden Schlag von Peters Herz. Das Krankenhaus war kein sicherer Hafen mehr. Es war nur ein weiterer Raum auf der Liste des Mörders. Ein Raum, den er bereits betreten hatte.