Die drei ???Drama

    Das Echo des Metalls

    Das V. Es brannte sich in seine Netzhaut, schärfer als das Display des Telefons es je hätte darstellen können. Ein Blitz aus kaltem Stahl in der Dunkelheit seiner Erinnerung. Peter spürte, wie Justus und Bob ihn anstarrten, ihre Erwartung so greifbar wie die Hitze, die von seiner Haut aufstieg.

    „Peter?“, fragte Bob leise, fast zögerlich. „Was ist los? Kennst du das Zeichen?“

    Peter schüttelte langsam den Kopf, eine Bewegung, die eine Lawine aus Schmerz in seiner Hüfte auslöste. Er zischte. „Nein. Nicht … nicht so.“ Seine Zunge fühlte sich dick und fremd an. Das Fieber kam in Wellen zurück, eine trübe Flut, die die klaren Konturen des Zimmers aufweichte. Die Gesichter seiner Freunde verschwammen.

    „Aber du hast es wiedererkannt“, drängte Justus, seine Stimme ein scharfes Skalpell in der wattierten Stille. „Deine Reaktion war eindeutig. Woher, Peter? Denk nach.“

    Denken. Das war leichter gesagt als getan. Sein Gehirn war ein überhitzter Motor. Einzelne Bilder und Geräusche stiegen auf wie Dampfblasen. Das V auf dem Uhrzeiger. Das Schreien des Metalls. Die Sonne im Nacken. Der Geruch von Sägemehl.

    „Das Geräusch“, murmelte er. Er schloss die Augen, was ein Fehler war. Die Dunkelheit bot keinen Frieden, nur eine Leinwand für die aufblitzenden Fragmente. „Kurz bevor ich fiel. Das Geräusch, das das Gerüst machte.“

    „Es war ein Reißen, hast du gesagt“, half Bob ihm auf die Sprünge.

    „Mehr als das.“ Peter ballte die Hand zu einer Faust, als könnte er die Erinnerung greifen und festhalten. „Es war kein sauberes Brechen. Kein Knacken von Holz. Es war ein Kratzen. Ein scharfes, schneidendes Kratzen. Wie …“ Er suchte nach den Worten, während die Bilder in seinem Kopf immer schneller rotierten. Das V. Das Geräusch. Das V. Das Geräusch. Sie überlagerten sich, verschmolzen zu einem einzigen, schrecklichen Sinneseindruck.

    „Wie eine Gravur“, flüsterte er. Der Schweiß lief ihm in die Augen. Das Tropfen aus dem Badezimmer wurde lauter, hämmerte in seinem Schädel. Tropf. Tropf. Ein unbarmherziger Taktgeber. „Das Geräusch hatte eine Form, Just. Es hatte die Form von diesem V.“

    Justus starrte ihn an, die Stirn in Falten gelegt. Ein Anflug von Unglauben mischte sich mit seiner üblichen analytischen Konzentration. „Ein Geräusch, das eine Form hat? Peter, das ist dein Fieber, das da spricht.“

    „Nein!“, stieß Peter heiser hervor und versuchte, sich aufzustützen, was ihm ein Stöhnen entlockte. Der heiße Draht in seiner Hüfte glühte auf. „Ich weiß, wie es klingt. Aber so war es. Ein Ruck. Ein Zischen. Und dann Stille.“ Er sank zurück in die Kissen, keuchend. „Ich hab es nicht nur gehört. Ich habe es gespürt. Im Metall unter meiner Hand.“

    Stille. Nur das Pochen seines Pulses in den Ohren und das monotone Tropfen des Hahns. Bob biss sich auf die Lippe. Er sah, wie Peter litt.

    Justus jedoch beugte sich näher. Sein Blick war jetzt stechend. „Du glaubst, jemand hat in die Strebe des Gerüsts eine Markierung geschnitten? Eine V-förmige Markierung? Und genau an dieser Stelle ist es gebrochen?“

    Die Verbindung, einmal ausgesprochen, schlug mit der Wucht einer physischen Erkenntnis in Peter ein. Es war nicht mehr nur ein Gefühl. Es war eine Hypothese. Eine entsetzliche, aber logische Hypothese. Der Sturz war kein Unfall. Die Markierung auf dem Uhrzeiger war kein Zufall. Die beiden Ereignisse waren verbunden.

    „Sabotage“, krächzte Peter. „Es war Sabotage. Und wer auch immer das getan hat … er benutzt dieses Zeichen.“

    „Aber das ergibt keinen Sinn“, warf Bob ein. „Warum sollte jemand dein Gerüst sabotieren und dann ein fast identisches Zeichen auf einem Uhrzeiger hinterlassen, der zu einem völlig anderen Fall gehört? Arthur Gable ist an einem Herzinfarkt gestorben. Wochen, bevor du gestürzt bist.“

    „Ist er das wirklich?“, fragte Justus leise, aber seine Stimme schnitt durch die Luft. Er blickte nicht Peter an, sondern starrte auf einen Punkt an der Wand, sein Gehirn arbeitete sichtbar auf Hochtouren. „Du hast mich vorhin unterbrochen, Bob. Als du im Hauptquartier von Seltsamkeiten am Fundort gesprochen hast. Ich habe es als nebensächlich abgetan. Was war es?“

    Bob zögerte und warf einen besorgten Blick auf Peter, dessen Gesicht grau und schweißglänzend war. „Ach, es war wahrscheinlich nichts. Die Polizei hat es auch nicht für wichtig gehalten.“

    „Sag es“, befahl Justus.

    „Alle Uhren“, sagte Bob widerstrebend. „Im Laden und in der Werkstatt von Arthur Gable. Sie waren alle stehen geblieben. Jede einzelne. Um exakt vier Uhr.“

    Peter spürte einen kalten Schauer, der nichts mit dem Fieber zu tun hatte. Ein Uhrmacher, dessen Uhren alle zur gleichen Zeit stehen bleiben. Das war kein Zufall. Das war ein Statement. Ein Schlusspunkt. Vielleicht sogar eine Signatur.

    „Vier Uhr“, wiederholte Justus gedankenschwer. „Und der einzelne Zeiger, den er hinterlassen hat?“

    „Ist ein Stundenzeiger“, bestätigte Bob.

    Ein einzelner Stundenzeiger. Gables Uhren waren um vier Uhr stehen geblieben. Und auf diesem Zeiger war eine V-förmige Markierung. Dieselbe Markierung, die Peter jetzt mit seinem eigenen, beinahe tödlichen Sturz in Verbindung brachte. Die Puzzleteile passten nicht nur zusammen; sie griffen ineinander wie die Zahnräder eines unheilvollen Uhrwerks.

    „Wir müssen zurück“, sagte Justus abrupt und stand auf. „Zurück zu Mrs. Gable. Wir müssen die Kiste genauer untersuchen. Und ich will den Polizeibericht zu Gables Tod. Sofort. Und den Bericht über deinen Unfall, Peter.“

    „Justus, sieh ihn dir an“, sagte Bob und deutete auf Peter, der mit geschlossenen Augen dalag und flach atmete. „Wir sollten ihn jetzt in Ruhe lassen.“

    In diesem Moment ging die Tür auf und eine resolute Krankenschwester kam herein. Ihr Blick fiel auf den Monitor neben Peters Bett, dann auf sein aschfahles Gesicht. Ihre Miene verfinsterte sich.

    „Besuchszeit ist vorbei“, sagte sie mit einer Schärfe, die keinen Widerspruch duldete. „Aber sofort. Sehen Sie nicht, in welchem Zustand er ist? Raus mit Ihnen.“

    Justus wollte protestieren, aber der Blick der Schwester hätte einen Ochsen umgeworfen. Er schloss den Mund, warf Peter einen letzten, intensiven Blick zu und nickte Bob zu. Sie zogen sich leise zurück. Die Tür schloss sich mit einem leisen Klicken.

    Peter war wieder allein.

    Die Stille im Raum war jetzt anders. Sie war nicht mehr leer, sondern gefüllt mit lauernden Fragen und einer neuen, schrecklichen Gewissheit. Sein Unfall war kein Pech. Er war Teil von etwas Größerem. Etwas, das mit einem toten Uhrmacher begonnen hatte und nun ihn selbst ins Visier genommen hatte.

    Er war nicht mehr nur ein Patient. Er war ein Opfer. Und er war ein Zeuge.

    Sein Blick wanderte zu dem tropfenden Wasserhahn im Bad.

    Tropf.

    Tropf.

    Tropf.

    Es war nicht mehr nur ein nervtötendes Geräusch. Es war der unerbittliche, gleichmäßige Takt einer Uhr. Einer Uhr, die für Arthur Gable abgelaufen war. Einer Uhr, die vielleicht auch für ihn tickte. Und er war hier gefangen, in diesem weißen, sterilen Raum, während die Zeiger sich unaufhaltsam weiterbewegten.

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