Die Erkenntnis war keine Befreiung. Sie war ein Zündschlüssel. In dem Moment, als das süßliche Aroma in seiner Erinnerung Gestalt annahm, drehte sich dieser Schlüssel in einem Schloss tief in seinem Körper, und der Motor des Fiebers sprang mit einem ohrenbetäubenden Brüllen an.
Die weißen Wände des Zimmers begannen zu atmen. Sie wölbten sich nach innen, dann nach außen, als wären sie die Lungen eines gewaltigen, sterbenden Tieres. Das Piepen der Maschinen wurde lauter, schriller, es bohrte sich in seinen Schädel wie ein glühender Nagel. Der Schmerz, der eben noch ein halbwegs gezähmter Bewohner seines Beckens gewesen war, brach aus seinem Käfig aus. Er raste durch seine Adern, eine sengende Flut, die alles mit sich riss.
Peter keuchte. Er versuchte, nach Luft zu schnappen, aber die Luft war dick und schwer wie Wasser. Er ertrank auf dem Trockenen. Seine Augen rollten zurück, und die rissige Decke verwandelte sich in einen wirbelnden grauen Himmel. Der Geruch von Kreidestaub, von Gips und Desinfektionsmittel vermischte sich mit dem Phantomgeschmack von klebriger, chemischer Süße. Er musste es ihnen sagen. Bevor die Flut ihn ganz verschlang.
Die Tür ging auf. Er sah nur verschwommene Schemen. Justus und Bob. Sie waren zurückgekommen. Vielleicht hatten sie das Buch vergessen. Oder sie hatten sein Keuchen auf dem Flur gehört.
„Peter?“ Bobs Stimme. Ein fernes Echo.
Peter riss den Kopf herum. Die Anstrengung kostete ihn alles. Schwarze Blitze tanzten vor seinen Augen. „Wasser…“, presste er hervor. Seine Zunge war ein geschwollener, nutzloser Klumpen in seinem Mund. „Süß.“
Justus war sofort an seiner Seite, sein Gesicht eine Maske angespannter Konzentration. „Was ist süß, Peter? Die Medikamente?“ Er legte Peter eine kühle Hand auf die Stirn. „Er brennt ja! Bob, hol eine Schwester. Sofort!“
Bob war schon verschwunden, bevor Justus den Satz beendet hatte.
„Nein…“, stöhnte Peter. Er musste es klarer formulieren. Er musste die Worte finden. Aber sein Gehirn war eine überhitzte Maschine, die nur noch unzusammenhängende Fetzen ausspuckte. Die Bilder kamen schneller. Die Straße. Die Sonne. Das glitzernde Meer in der Ferne, das ihn rief. Und der Geschmack. Blumig. Wie die schweren, überreifen Blüten in Mrs. Darnells Garten, an dem sie als Kinder immer vorbeigegangen waren. Die Blüten, vor denen sie immer gewarnt worden war. Giftig, hatte sie gesagt. Fasst sie nicht an.
„Flasche…“, murmelte er, während die Welt um ihn herum zu einem kaleidoskopischen Chaos aus Licht und Schatten zerfiel. „Süß… Lysander.“
Das letzte Wort war nur ein Hauch. Ein Flüstern, das seinem fiebrigen Verstand entrann wie Dampf aus einem Kessel. Er wusste nicht einmal, woher es kam. Es war einfach da. Verbunden mit dem Geschmack, der Hitze, der Gefahr.
Dann wurde alles schwarz.
Als Peter das nächste Mal die Augen öffnete, war die Welt weiß und still. Gedämpft. Er spürte einen neuen Schmerz in seinem unversehrten Arm, dort, wo jetzt eine Infusionsnadel steckte. Ein Arzt beugte sich über ihn, leuchtete ihm mit einer kleinen Lampe in die Augen und murmelte etwas Beruhigendes. Peter verstand es nicht. Die Worte glitten an ihm ab wie Regentropfen an einer gewachsten Oberfläche. Er war zu müde. Unendlich müde. Er schloss die Augen wieder.
Draußen im Flur, unter dem unbarmherzigen Neonlicht der Krankenhauskorridore, lehnte Bob an der Wand und rieb sich die Augen. Justus stand vor dem Fenster und starrte hinaus auf den Parkplatz, aber er sah nichts. Seine Hände waren zu Fäusten geballt.
„Sie sagen, es war ein Fieberkrampf“, sagte Bob mit rauer Stimme. „Eine Reaktion auf die Infektion. Sie haben ihm etwas Stärkeres gegeben. Er wird für eine Weile schlafen.“
Justus nickte knapp, ohne sich umzudrehen. „Hat er noch etwas gesagt?“
„Nur das. ‚Wasser‘, ‚süß‘. Und dann… dieses andere Wort. ‚Lysander‘.“ Bob sprach es vorsichtig aus, als könnte es zerbrechen. „Klingt wie ein Name. Kennst du jemanden, der so heißt? Irgendein alter Fall?“
Justus schüttelte den Kopf. „Nein. Nicht, dass ich wüsste.“ Er wandte sich Bob zu, und in seinen Augen lag eine Intensität, die Bob seit Langem nicht mehr gesehen hatte. Es war der Blick, den er bekam, wenn ein unbedeutendes Detail nicht ins Bild passte, wenn eine einzelne Note in der Symphonie des Falls falsch klang. „Er hat nicht fantasiert, Bob. Nicht nur. Er hat versucht, uns etwas zu sagen. Über die Wasserflasche. Er hat das schon vor unserem Besuch angedeutet.“
„Aber ‚Lysander‘? Was soll das bedeuten?“ Bob fuhr sich durch die Haare. „Vielleicht hat er es irgendwo gelesen? Oder in einem Film gehört?“
„Vielleicht“, sagte Justus langsam. „Aber die Art, wie er es gesagt hat… Es war keine Fantasie. Es war eine Erinnerung.“ Er stieß sich vom Fenster ab. „Wir müssen diese Wasserflasche finden. Sergeant Reynolds muss sie aus dem Wagen sicherstellen.“
„Ich rufe ihn an“, sagte Bob sofort und griff nach seinem Handy. Aber Justus legte ihm eine Hand auf den Arm.
„Warte. Erst müssen wir wissen, wonach wir suchen.“ Justus' Blick war nach innen gerichtet, seine Stirn in tiefe Falten gelegt. Er ging den kurzen Flur auf und ab wie ein Tiger im Käfig. „Süßlicher Geschmack. Fieber. Verwirrung. Das sind Symptome. Symptome einer Vergiftung.“
Bob wurde blass. „Vergiftung? Justus, das ist…“
„Möglich“, beendete Justus den Satz für ihn. „Und wenn es so ist, dann ist dieser Name vielleicht der Schlüssel.“ Er blieb stehen und sah Bob direkt an. „Unser Archiv. Wir haben jeden Fall der letzten zehn Jahre dokumentiert. Jeden Namen, jeden Ort, jede Sackgasse. Wenn dieser Name irgendwo in unserer Vergangenheit aufgetaucht ist, wirst du ihn finden.“
Die Fahrt zurück zur Zentrale war schweigsam. Die bunte, laute Welt von Rocky Beach schien gedämpft und grau. Im Wohnwagen, der ihr Hauptquartier war, roch es nach altem Papier und dem schwachen Duft von Entwicklerflüssigkeit aus der Dunkelkammer. Es war ein Geruch von Sicherheit, von Ordnung. Heute fühlte er sich trügerisch an.
Während Justus Sergeant Reynolds anrief und mit ruhiger, aber eindringlicher Stimme die Sicherstellung von Peters persönlichem Eigentum aus dem Autowrack verlangte – ohne den Verdacht einer Vergiftung zu erwähnen, nur von „wichtigen persönlichen Gegenständen“ sprechend –, setzte sich Bob an den großen Tisch und klappte den Laptop auf. Er öffnete die von ihm selbst programmierte Datenbank, ihr digitales Gedächtnis. Ein Jahrzehnt voller Diebe, Betrüger, verschwundener Erbstücke und unheimlicher Villen.
Er tippte den Namen ein. L-Y-S-A-N-D-E-R.
Keine Ergebnisse.
Er versuchte es mit Variationen. Lisander. Lysandra. Nichts. Er durchsuchte die Volltextsuche, scannte Notizen, Zeugenaussagen, Berichte. Eine Stunde verging. Justus hatte aufgelegt und starrte nun Bob über die Schulter, seine Stille war eine schwere Last im Raum.
„Nichts“, sagte Bob frustriert. „Der Name kommt nirgends vor. Nicht bei Klienten, nicht bei Verdächtigen, nicht einmal in einer Randnotiz.“
Justus seufzte. Die Anspannung wich einem Anflug von Enttäuschung. „Vielleicht war es doch nur Fieberwahn.“
„Warte.“ Bob hielt inne. Sein Blick fiel auf die Kiste mit alten, noch nicht digitalisierten Akten in der Ecke. Fälle aus ihren Anfangstagen. Dünne Mappen, meist handschriftlich geführt, mit eingeklebten Fotos. Fälle, die sie nie wirklich gelöst hatten. Die losen Enden, die sie irgendwann frustriert beiseitegelegt hatten. „Da wäre noch eine Möglichkeit.“
Er zog die staubige Kiste hervor und begann, die Mappen durchzublättern. „Der Marlowe-Fall“ stand auf einer. „Die verschwundene Erbin“. „Das Rätsel des stummen Gärtners“. Namen, die wie Gespenster aus der Vergangenheit auftauchten. Er zog eine besonders dünne Mappe heraus. Auf dem Etikett stand nur „Der Oleander-Garten“. Sie waren damals vierzehn gewesen. Ein Mann, Mr. Abernathy, hatte sie engagiert, weil er glaubte, jemand würde seinen preisgekrönten Garten vergiften. Pflanzen starben auf mysteriöse Weise. Es gab keine Spuren, keine Verdächtigen. Der Fall verlief im Sande. Sie hatten ihn als eine Laune der Natur abgetan.
Bob klappte die Mappe auf. Darin lagen ein paar unscharfe Fotos von welken Rosenstöcken und eine Liste von Substanzen, die Justus damals recherchiert hatte. Pflanzengifte. Herbizide. Und dann, am Ende der Liste, eine handschriftliche Notiz von Justus selbst, fast eine beiläufige Ergänzung.
*Oleander (Nerium oleander). Alle Teile hochgiftig. Verzehr führt zu Übelkeit, Krämpfen, Herzrhythmusstörungen, Verwirrung. Glykoside verursachen süßlichen Geschmack im Mund.*
Justus beugte sich vor und las mit. Bob spürte, wie sein Freund erstarrte. Es war nicht das, was Bob ihm zeigen wollte. Er blätterte zur nächsten Seite. Eine kurze, von ihm selbst getippte Zusammenfassung der wenigen Befragungen. Der Gärtner. Die Nachbarin. Und ein kurzzeitiger Untermieter von Mr. Abernathy, ein Botanikstudent, der nur für ein paar Wochen dort gewohnt hatte und kurz vor Beginn der Vorfälle verschwunden war. Ein seltsamer, zurückhaltender junger Mann, von dem niemand wusste, woher er kam oder wohin er ging.
Sein Name war nicht Lysander.
Sein Name war Alexander Marlowe. Aber die Nachbarin, eine ältere, etwas schusselige Dame, hatte sich seinen Namen nicht merken können. In Bobs Notizen stand der Satz: *Sie nannte ihn immer wieder ‚den stillen Jungen mit dem Blumennamen‘. So etwas wie… Lysander.*
Justus sog scharf die Luft ein. Bob blickte von der Akte auf. Die Verbindung war dünn, fast gespenstisch. Ein falsch erinnerter Name aus einem ungelösten Fall von vor Jahren. Aber sie war da.
„Bob“, flüsterte Justus, und seine Stimme war kaum mehr als ein Krächzen. „Auf dem letzten Foto in der Akte. Was ist das für ein Symbol an der Gartenmauer?“
Bob blätterte um. Das letzte Foto zeigte eine Ziegelmauer, an der eine der vergifteten Kletterrosen hing. Und in den Mörtel zwischen zwei Steinen war etwas eingeritzt. Ein kleines, fast unsichtbares Symbol. Ein Kreis mit einem stilisierten, gewellten Blitz darin.
Dasselbe Symbol, das Peter als Anhänger an einer Kette trug, die er nie ablegte. Ein Geschenk seiner Tante zum Surfen.
Bob starrte auf das Foto, dann auf Justus. Die Luft im Wohnwagen schien zu gefrieren. Die Hitze des Tages war vergessen. Der ungelöste Fall war kein Geist mehr. Er saß mit ihnen im Raum, und sein Schatten fiel direkt auf Peters Krankenbett.