Der Fischerkai von Rocky Beach war eine andere Welt als die aufgeräumten Vorstadtstraßen nur wenige hundert Meter landeinwärts. Die Luft schmeckte nach Salz, kaltem Fisch und dem scharfen Geruch von Diesel. Nebelschwaden, die sich hartnäckig dem schwindenden Nachmittagslicht widersetzten, krochen von der See her über die alten Holzplanken. Möwen kreischten heiser über den Dächern der einfachen Hütten, die wie müde Wächter am Rande des Piers kauerten.
„Ganz schön trostlos hier“, murmelte Peter und zog den Kragen seiner Jacke enger. Die Hitze des Schrottplatzes schien eine ferne Erinnerung. „Riecht wie meine Sporttasche nach zwei Wochen Trainingslager.“
„Ein Mikrokosmos, der nach seinen eigenen Gesetzen funktioniert“, erwiderte Justus, während sein Blick über die verwitterten Fassaden und die aufgetürmten Hummerkäfige glitt. „Funktionalität triumphiert hier über Ästhetik. Dr. Reed sagte, Abernathy wohnt in einer der Hütten.“
Bob zeigte auf eine kleine Gruppe von Fischern, die neben einem Kutter standen und ihre Netze flickten. Ihre wettergegerbten Gesichter waren ernst, ihre Gespräche gedämpft. „Fragen wir doch einfach. Aber unauffällig.“
Justus nickte. „Gute Idee. Peter, du übernimmst das. Deine unbefangene Art wirkt weniger einschüchternd.“
Peter verdrehte die Augen, fügte sich aber und schlenderte zu den Männern hinüber. Justus und Bob folgten in respektvollem Abstand und taten so, als würden sie die vertäuten Boote inspizieren.
„Entschuldigen Sie“, hörten sie Peter sagen. „Suchen Sie nach Arbeitern? Mein Kumpel und ich sind kräftig.“
Einer der Fischer, ein stämmiger Mann mit einem buschigen grauen Bart, musterte Peter von oben bis unten. „Du siehst nicht so aus, als hättest du schon mal einen Fisch ausgenommen, Junge. Was wollt ihr wirklich?“
„Okay, erwischt“, sagte Peter und hob abwehrend die Hände. „Wir suchen jemanden. Einen Mr. Abernathy.“
Die Stimmung in der kleinen Gruppe veränderte sich augenblicklich. Die Männer wechselten kurze, fast unmerkliche Blicke. Das leise Murmeln ihrer Unterhaltung erstarb.
„Abernathy?“, knurrte der Bärtige. „Was wollt ihr von dem alten Kauz?“
„Wir haben geschäftlich mit ihm zu tun“, warf Justus ein, der nun neben Peter getreten war. Er hoffte, der vage Begriff würde professionell klingen.
Ein anderer, jüngerer Fischer lachte freudlos auf. „Geschäftlich? Der alte Abe macht keine Geschäfte mehr. Nicht seit er ...“ Er verstummte und warf seinem Kollegen einen warnenden Blick zu.
„Seit was?“, fragte Bob leise.
Der Bärtige seufzte schwer. Der Klang schien im Nebel zu verhallen. „Seit Henry Colman nicht zurückkam. Abe hat sich in seiner Hütte verbarrikadiert. Spricht mit niemandem mehr. Sagt, das Meer will sich holen, was ihm gehört.“ Er deutete mit dem Daumen über die Schulter. „Letzte Hütte am Ende des Stegs. Die mit den vernagelten Fenstern. Aber lasst ihn in Ruhe. Der alte Mann hat genug durchgemacht.“
Die Warnung klang endgültig. Die Jungen bedankten sich und gingen weiter den Pier entlang, ihre Schritte hallten hohl auf den Planken.
„Das Meer will sich holen, was ihm gehört“, wiederholte Peter und schüttelte den Kopf. „Die klingen ja alle, als würden sie an den Fluch glauben.“
„Aberglaube ist oft nur eine Chiffre für eine Angst, deren Ursache man nicht benennen kann“, erklärte Justus. „Abernathy hat offensichtlich Angst. Und seine Angst steht in direktem Zusammenhang mit Henry Colmans Verschwinden. Das ist keine Spekulation mehr, das ist eine Tatsache.“
Die letzte Hütte war nicht zu verfehlen. Sie sah noch verlassener aus als die anderen. Die Fenster waren nicht nur zugezogen, sondern tatsächlich mit alten Brettern vernagelt. Muschelschalen und getrockneter Seetang hingen wie unheilvolle Talismane an der Tür. Aus dem rostigen Schornstein stieg kein Rauch auf.
Justus klopfte entschlossen an die Tür. „Mr. Abernathy? Mein Name ist Justus Jonas. Wir müssen kurz mit Ihnen sprechen.“
Stille. Nur das Geräusch der Wellen, die gegen die Pfeiler des Piers schlugen.
Justus klopfte erneut, lauter diesmal. „Es geht um eine Seekarte, Mr. Abernathy. Eine, die Sie kürzlich verkauft haben.“
Ein Geräusch von drinnen. Ein Scharren, als wäre etwas umgefallen. Dann eine gedämpfte, raue Stimme, die durch das dicke Holz kaum zu verstehen war. „Verschwindet! Ich habe nichts verkauft. Ich weiß von nichts.“
„Sie haben die Karte an Dr. Evelyn Reed verkauft“, rief Justus zurück. „Wir arbeiten für sie. Wir wollen Ihnen nur helfen.“
„Helfen?“, krächzte die Stimme. „Niemand kann mir helfen. Ihr könnt nur den Tod anlocken. Geht weg!“
Peter verlor die Geduld. Er trat neben Justus und legte die Schulter gegen die Tür. „Hören Sie, wir gehen nicht ohne Antworten. Machen Sie auf, oder ich...“
„Peter, nicht!“, zischte Justus und zog ihn zurück. Er legte eine beruhigende Hand auf die Tür. „Mr. Abernathy. Wir wissen, dass Sie Angst haben. Wir wissen auch von Henry Colman. Vielleicht hat sein Verschwinden etwas mit der Karte zu tun. Wenn Sie schweigen, könnte der Nächste verschwinden. Vielleicht einer der Männer da vorn.“
Es folgte eine lange, angespannte Pause. Schließlich hörten sie das Geräusch eines schweren Riegels, der zurückgeschoben wurde. Die Tür öffnete sich einen Spalt breit. Ein Auge, blutunterlaufen und von tiefliegenden Falten umgeben, spähte misstrauisch hinaus.
„Was wisst ihr von Henry?“, flüsterte der Mann.
„Wir wissen, dass er vermisst wird“, sagte Bob sanft. „Und wir glauben, dass die Karte, die er besaß, damit zu tun hat.“
Das Auge weitete sich. Der Riegel wurde vollständig zurückgezogen und die Tür schwang knarrend nach innen auf. „Kommt rein. Schnell.“
Der Innenraum der Hütte war dunkel und roch nach abgestandenem Lampenöl und Angst. Der Mann, der ihnen die Tür geöffnet hatte, war hager und gebeugt, sein Haar eine wirre, weiße Mähne. Er trug einen alten, zerlumpten Pullover. In einer Ecke brannte eine einsame Öllampe und warf zitternde Schatten an die Wände, die mit alten Netzen und rostigen Haken behängt waren.
Abernathy schob den Riegel wieder vor. „Woher wisst ihr, dass die Karte Henry gehörte?“
„Wir kombinieren“, sagte Justus. „Sie haben Dr. Reed gegenüber einen Fluch erwähnt. Die Fischer sagen, Sie hätten sich seit Colmans Verschwinden eingeschlossen. Wir haben eins und eins zusammengezählt.“
Abernathy ließ sich auf einen wackeligen Holzhocker fallen und vergrub das Gesicht in seinen zittrigen Händen. „Ich hätte sie nie anrühren dürfen. Nie.“ Er sah auf, seine Augen flackerten unstet im Lampenlicht. „Ich habe sie nicht von ihm bekommen. Nicht direkt. Ich habe sie in seiner Kiste gefunden.“
„In seiner Kiste?“, fragte Peter nach.
„Ein paar Tage nachdem sein Boot gefunden wurde, ist eine seiner Ausrüstungskisten an Land gespült worden. Direkt hier unter dem Pier“, erklärte Abernathy mit heiserer Stimme. „Ich hab sie rausgefischt. Dachte, ich bringe sie seiner Frau. Aber ich war neugierig...“ Er schluckte. „In der Kiste war sie. Die Karte. Aufgerollt in einer alten Blechdose, damit sie trocken bleibt. Ich hab sie angesehen und wusste sofort, dass sie Unglück bedeutet. Dieses Kreuz... genau an der Stelle, wo die See am tückischsten ist. Wo schon andere verschwunden sind, lange vor Henry.“
„Die U-404“, sagte Bob.
Abernathy zuckte zusammen, als hätte der Name ihn körperlich getroffen. „Sprecht diesen Namen nicht aus! Es ist ein Grab. Ein nasses Grab. Und was darin liegt, will seine Ruhe. Henry war besessen davon. Er hat wochenlang darüber geredet. Von einem Schatz, der alles ändern würde. Ich hab ihn gewarnt.“
„Hat er die Karte gefunden?“, fragte Justus.
„Nein“, flüsterte Abernathy. „Er hat sie von dem Kerl bekommen, der vor ihm verschwunden ist. Parker. Ein Sporttaucher, kein Fischer. Die Karte macht die Runde. Jeder, der sie in die Finger bekommt, wird gierig. Und dann... holt er ihn.“
„Wer holt ihn?“, fragte Peter skeptisch.
Abernathys Blick schoss zur Tür. „Der Wächter. Der Schatten. Ich hab ihn gesehen.“
„Einen Schatten?“, fragte Justus, seine Stimme war nun vollkommen neutral und analytisch. „Können Sie das genauer beschreiben, Mr. Abernathy?“
„Er war hier“, wisperte der alte Fischer. „Schon bevor diese Frau aufgetaucht ist. Er hat gefragt. Nach der Karte. Nicht mit Worten. Eher... mit seiner Anwesenheit. Ein großer Mann. Immer im Schatten, immer am Rand. Man sieht ihn nie richtig. Aber man spürt ihn.“
Draußen knarrte eine Diele auf dem Pier. Ein lautes, deutliches Geräusch, das sich vom steten Rauschen des Meeres abhob.
Abernathy erstarrte. Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen. Er sprang auf, deutete mit zitterndem Finger auf die Tür. „Er ist da! Ich hab’s euch gesagt! Er hat euch gefolgt!“
Peter und Bob wirbelten herum und starrten auf die verriegelte Tür. Justus blieb unbewegt, seine Augen waren auf Abernathys panisches Gesicht gerichtet.
„Raus!“, schrie der alte Mann, seine Stimme überschlug sich. „Verschwindet! Nehmt den Fluch mit euch! Raus hier!“
Er stolperte zur Tür, riss den Riegel zurück und stieß sie auf. Kalte, feuchte Luft strömte herein. Der Pier draußen war leer. Der Nebel hatte sich verdichtet und hüllte die benachbarten Hütten in ein graues Tuch. Von einem Mann war nichts zu sehen.
„Da ist niemand, Mr. Abernathy“, sagte Bob beruhigend.
„Er ist da!“, keuchte Abernathy und schob die drei Jungen grob nach draußen. „Ihr versteht es nicht. Man sieht ihn nur, wenn er es will. Lasst mich in Ruhe! Vergesst die Karte! Werft sie ins Meer zurück, wo sie hingehört!“
Mit einem lauten Knall schlug er ihnen die Tür vor der Nase zu. Das Geräusch des Riegels, der wieder vorgeschoben wurde, klang wie das endgültige Schließen eines Sargdeckels.
Die drei ??? standen allein im Nebel. Die Warnung des Fischers hallte in der Stille nach.
„Also, das war... aufschlussreich“, sagte Peter und versuchte, einen lockeren Ton anzuschlagen, was ihm nicht ganz gelang. „Der Mann ist reif für die Insel. Einen ‚Schatten‘ hat er gesehen.“
„Vielleicht nicht“, sagte Bob nachdenklich. „Das Knarren der Diele hab ich auch gehört. Das war kein altes Holz, das arbeitet. Da stand jemand.“
Justus rieb sich nachdenklich das Kinn. Sein Gesicht war eine undurchdringliche Maske. „Abernathy hat uns entscheidende Informationen geliefert. Die Karte gehörte Henry Colman und stand schon vor ihm mit mindestens einem weiteren Verschwinden in Verbindung. Und was noch wichtiger ist: Dr. Reed ist nicht die Einzige, die nach ihr sucht.“ Er blickte in den dichten Nebel, als könnte er die Gestalt, die Abernathy beschrieben hatte, dort erkennen.
„Wir haben Konkurrenz“, schloss Justus. „Und diese Konkurrenz spielt anscheinend nicht nach den Regeln.“