Harry PotterRomance

    Der Flügelschlag einer unerwarteten Nachricht

    Die Klasse endete mit dem leisen Klirren von Glas, als die Schüler ihre Proben zur Bewertung nach vorne brachten. Bella arbeitete mit der methodischen Präzision, die ihr Vater ihr seit ihrer Kindheit eingetrichtert hatte. Ihr Trank war perfekt, ein flüssiges Silber, das in der Phiole pulsierte. Mit ruhiger Hand beschriftete sie das Etikett: *Isabella Snape, Stärkungstrank, Charge 7B*.

    Sie griff nach dem hölzernen Phiolenhalter, um ihr Werk sicher zu verstauen. Ihre Finger streiften etwas, das nicht dorthin gehörte. Eine trockene, scharfe Kante. Papier.

    Ihr Atem stockte. Sie ließ ihre Hand über dem Halter schweben und warf einen schnellen, unauffälligen Blick durch den Raum. Ihr Vater rügte gerade Goyle, dessen Trank eine unheilvolle Ähnlichkeit mit Sumpfschlamm hatte. Niemand beachtete sie. Langsam, ganz langsam, hob sie den Halter an.

    Darunter lag ein winziges, sauber gefaltetes Stück Pergament.

    Ihr Herz begann, einen unregelmäßigen Takt gegen ihre Rippen zu schlagen. Das konnte nicht von Anfang an dort gewesen sein. Sie hätte es bemerkt. Ihre Arbeitsfläche war immer makellos. Wann? Wie? Ein Schatten fiel ihr wieder ein, eine kurze Präsenz an ihrer Seite. Malfoy. Es musste Malfoy gewesen sein, als er sich über ihren Tisch gelehnt hatte, seine Worte voller Spott, seine Handlung jedoch verborgen und schnell.

    Mit einer Bewegung, die so fließend war, dass sie kaum wahrnehmbar war, ließ sie das Pergament in ihre Handfläche gleiten und schloss die Finger darum. Die raue Textur fühlte sich an wie eine brennende Kohle.

    „Bella?“ Hermines Stimme riss sie aus ihrer Starre. Der Unterricht war vorbei. Die anderen packten ihre Sachen. „Kommst du? Wir haben nur eine halbe Stunde bis Wahrsagen.“

    „Ja, sofort“, murmelte Bella und vermied es, Hermine direkt anzusehen. Sie reichte ihrem Vater ihre Phiole, das gefaltete Papier fest in ihrer anderen Hand umklammert. Sein Blick war prüfend, seine dunklen Augen verengten sich kaum merklich, als er ihre angespannte Haltung bemerkte.

    „Zufriedenstellend“, sagte er nur, seine Stimme so neutral wie immer, aber sie spürte die unausgesprochene Frage dahinter. Sie nickte nur und zog sich schnell zurück, ein Gefühl der Schuld nagte an ihr. Schon wieder ein Geheimnis.

    Draußen im Korridor wartete Hermine, ihre Stirn in Sorgefalten gelegt. „Alles in Ordnung mit dir? Du bist kreidebleich.“

    „Mir geht’s gut“, log Bella und zwang sich zu einem Lächeln, das sich falsch anfühlte. Die Notiz in ihrer Tasche, in die sie sie hastig hatte gleiten lassen, schien eine unerträgliche Last zu sein. „Vaters Unterricht ist nur… intensiv. Du weißt ja.“

    Hermine sah nicht überzeugt aus, aber sie ließ es auf sich beruhen. Auf dem Weg zum Nordturm redete sie über die Komplexität der Teeblätter-Deutung und die Unzuverlässigkeit dieser magischen Disziplin. Bella hörte kaum zu. Ihre Gedanken kreisten um das kleine Stück Pergament und die Person, die es dort hinterlassen hatte. Der neutrale Blick in der Halle, der undurchschaubare Ausdruck im Kerker – waren das die Vorboten gewesen? Teile eines Puzzles, das sie nicht verstand?

    Die Gelegenheit, die Notiz zu lesen, bot sich erst Stunden später. Nach dem Abendessen, das sie kaum angerührt hatte, zog sie sich in den Slytherin-Gemeinschaftsraum zurück. Der Raum war kühl und still, das grünliche Licht, das durch die Fenster zum See fiel, tanzte an den steinernen Wänden. Sie fand eine abgeschiedene Nische hinter einem schweren Wandteppich, der eine längst vergessene Schlacht zwischen Zauberern und Riesen darstellte.

    Ihre Hände zitterten leicht, als sie das Pergament entfaltete. Die Handschrift war elegant und spitz, mit scharfen, fast aggressiven Winkeln. Sie kannte diese Schrift von unzähligen Aufsätzen, die sie über die Jahre gesehen hatte. Malfoys Handschrift.

    Die Nachricht war kurz, eine Befehlszeile ohne jegliche Erklärung.

    *Mitternacht. Astronomieturm. Komm allein, oder komm gar nicht.*

    Keine Begrüßung. Keine Unterschrift. Nur diese arrogante, unmissverständliche Anweisung. Ein Zornesfunke loderte in ihrer Brust auf. Die Unverfrorenheit! Zu glauben, er könne sie einfach so herbeizitieren, als wäre sie eine seiner unterwürfigen Anhängerinnen.

    Sie wollte das Pergament zerreißen, es zu Asche verbrennen. Doch ihre Hand verharrte.

    *Astronomieturm.*

    Ein Stich traf sie, scharf und unerwartet. Der Ort, an dem sie und Harry unzählige Stunden verbracht hatten, die Sterne beobachtet, ihre Zukunft geplant hatten. War das Teil der Grausamkeit? Wollte er Salz in eine noch frische Wunde streuen? Oder wusste er es nicht?

    Sie las die Worte erneut. *Komm allein, oder komm gar nicht.* Es war kein einfacher Befehl. Es war eine Herausforderung. Ein Köder. Die Erinnerung an seine Blicke, die nichts von der üblichen Verachtung hatten, kehrte mit aller Macht zurück. Er hatte nicht gespottet. Er hatte… beobachtet. Gesucht. Und jetzt hatte er gehandelt.

    Was wollte er? Eine Konfrontation? Eine Falle? Ein schlecht durchdachter, grausamer Streich?

    Der Rest des Abends verging wie im Nebel. Sie saß in ihrem Zimmer in den Kerkern, die Tür fest verschlossen. Das kleine Pergament lag auf ihrem Schreibtisch und schien sie anzustarren. Draußen war es still, nur das leise Tropfen von Wasser und das ferne Gurgeln des Sees drangen durch die dicken Mauern. Ihr Vater war in seinem Arbeitszimmer, nur einen kurzen Gang entfernt. Seine schützende Anwesenheit, die ihr gestern noch Trost gespendet hatte, fühlte sich nun wie die Gitterstäbe eines Käfigs an. Herauszuschleichen, sich mitten in der Nacht mit Draco Malfoy zu treffen – es wäre ein unvorstellbarer Verrat seines Vertrauens. Ein Verstoß gegen jede Regel, die er ihr je beigebracht hatte.

    Aber hier zu bleiben, in der Stille ihres Zimmers, umgeben von den Geistern der letzten zwei Jahre, fühlte sich an wie ein langsames Ertrinken. Die Trauer über Harry war eine schwere Decke, die ihr die Luft zum Atmen nahm. Malfoys Nachricht war ein Stein, der in das stille, trübe Wasser ihres Kummers geworfen worden war. Die Wellen breiteten sich aus, unaufhaltsam, und sie konnte sie nicht länger ignorieren.

    Es war ein Risiko. Ein dummes, unüberlegtes, gefährliches Risiko. Er war Malfoy. Er war der Feind.

    Sie blickte auf die alte Standuhr in der Ecke. Es war fünf vor zwölf.

    Die Entscheidung fiel nicht mit einem Gedanken, sondern mit einer Bewegung. Langsam stand sie auf. Die Stille des Kerkers war plötzlich nicht mehr tröstlich, sondern erdrückend. Sie nahm die Notiz, faltete sie sorgfältig und schob sie tief in ihre Tasche.

    Mit lautlosem Schritt trat sie an ihre Tür und legte die Hand auf den kalten Messingknauf. Sie lauschte, hielt den Atem an und versuchte, das geringste Geräusch aus dem Arbeitszimmer ihres Vaters zu erhaschen – das Umblättern einer Seite, das Kratzen einer Feder.

    Nichts. Nur die erwartungsvolle Stille der Nacht.

    Ihr Herz hämmerte einen wilden, fieberhaften Rhythmus. Jeder Instinkt schrie sie an, umzukehren, die Tür zu verriegeln und alles zu vergessen. Doch der Gedanke an Malfoys unergründliche Augen und das brennende Bedürfnis, einfach nur *etwas* zu fühlen, das nicht Schmerz war, trieb sie vorwärts.

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