Die Stille im Inneren des alten Volvo war so schwer und undurchdringlich wie die Dunkelheit, die draußen an den Fensterscheiben vorbeiraste. Justus saß auf dem Beifahrersitz, die Hände zu Fäusten geballt, sein Blick starr auf die Straße gerichtet, doch er sah nichts als die schrecklichen Bilder, die sich in seinen Geist eingebrannt hatten. Hinter ihm keuchte Peter immer noch nach Luft, eine Mischung aus Erschöpfung und panischer Angst. Bob war still, aber Justus spürte die Anspannung, die von seinem Freund ausging, eine fast elektrische Ladung in der erstickenden Luft des Wagens.
Dr. Aris Thorne hatte seit ihrer Enthüllung kein Wort mehr gesprochen. Sie fuhr mit einer stoischen Ruhe, die im krassen Gegensatz zu dem Chaos stand, das sie gerade über die drei Jungen hereingebrochen hatte. Ihre Hände umklammerten das Lenkrad mit einer unnatürlichen Festigkeit, die Knöchel traten weiß hervor.
Es war Peter, der die Stille zerbrach. Seine Stimme war ein heiseres Krächzen, brüchig vor Wut und Verzweiflung.
„Das ist doch der helle Wahnsinn“, presste er hervor. „Nazi-U-Boote? Geheime Organisationen? Leute, die uns umbringen wollen? Justus, was hast du uns da nur eingebrockt?“
Justus zuckte zusammen, als träfe ihn ein physischer Schlag. Die Schuld, die ohnehin schon schwer auf ihm lastete, verdoppelte ihr Gewicht. „Ich konnte das nicht wissen, Peter“, erwiderte er, seine eigene Stimme klang fremd und hohl. „Ich dachte, es wäre ein historisches Rätsel. Ein gewöhnlicher Fall.“
„Ein gewöhnlicher Fall?“, lachte Peter bitter. „Wir wurden fast von zwei Schlägern zu Tode geprügelt und sind vor einem Massengrab geflohen! Nichts daran ist gewöhnlich!“
„Genug!“, schnitt Dr. Thorne ihnen das Wort ab. Ihre Stimme war scharf wie eine Rasierklinge und ließ die beiden sofort verstummen. Sie warf einen kurzen, harten Blick in den Rückspiegel, ihre Augen trafen Peters für einen Moment. „Panik wird euch jetzt nicht helfen. Sie wird euch das Leben kosten. Ihr müsst zuhören und ihr müsst verstehen.“
Bob beugte sich vor, sein Gesicht erschien zwischen den beiden Vordersitzen. „Dann erklären Sie uns bitte, was genau ‚Die Wächter‘ sind. Und was ist in diesem U-Boot, das so wertvoll ist, dass man dafür tötet?“
Dr. Thorne atmete tief durch, ihre Konzentration schien wieder ganz bei der Straße zu liegen. „Die Wächter sind keine Bande von Schlägern. Sie sind eine hoch organisierte, international vernetzte Gruppe. Ideologen. Nachfahren und Anhänger der alten Garde, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die ‚Reinheit‘ ihres Erbes zu bewahren. Das bedeutet, sie bergen Artefakte, vernichten belastende Dokumente und sichern Vermögenswerte, die das Dritte Reich vor seinem Untergang ins Ausland geschafft hat.“
„Vermögenswerte?“, hakte Justus nach, der Detektiv in ihm kämpfte sich durch die Schichten der Angst. „Sie meinen Gold?“
„Unter anderem“, bestätigte Thorne. „Raubgold, Kunst, Patente. Das U-Boot, das ihr gefunden habt, die U-537, war Teil der Operation ‚Schatzkiste‘. Eine von Dutzenden verzweifelten Missionen in den letzten Kriegsmonaten. Die meisten dieser U-Boote wurden versenkt oder erreichten ihre Ziele in Südamerika oder Spanien nie. Aber einige wenige schafften es, ihre Fracht zu verstecken. U-537 ist eines davon. Die Ladung ist Millionen wert. Genug, um eine Organisation wie Die Wächter für Jahrzehnte zu finanzieren und ihre neofaschistischen Bestrebungen voranzutreiben.“
Ein Schauer lief Justus über den Rücken. Das hier war größer als alles, was sie sich je hätten vorstellen können. Es ging nicht um einen einfachen Schatz. Es ging um die Finanzierung von Terror und Hass.
„Und die … die Leichen?“, fragte Bob mit zitternder Stimme.
Dr. Thornes Gesicht verhärtete sich. „Kollateralschäden. Die Wächter sind rücksichtslos. Jeder, der ihnen zu nahe kommt, jeder, der von der Existenz dieser Schätze weiß, wird eliminiert. Lokale Fischer, neugierige Historiker, Journalisten… Sie verschwinden einfach. Was ihr in dieser Höhle gesehen habt, waren wahrscheinlich die Überreste von Menschen, die im Laufe der Jahrzehnte das Pech hatten, über dasselbe Geheimnis zu stolpern wie ihr.“
Die Vorstellung war so grauenvoll, dass Peter würgen musste. Er presste eine Hand vor den Mund. Die Brutalität der beiden Männer, der Geruch des Todes in der Höhle – alles fügte sich zu einem Bild des reinen, unvorstellbaren Bösen.
„Sie folgen uns“, sagte Dr. Thorne plötzlich und ihre Stimme war nun leise und angespannt.
Justus' Kopf schnellte herum. Weit hinter ihnen tauchten zwei helle Lichtpunkte auf, die in der Dunkelheit tanzten. Ein Auto. Es hielt einen konstanten Abstand.
„Sind Sie sicher?“, fragte Justus.
„Ich bin mir nie sicher. Aber ich gehe immer vom Schlimmsten aus“, erwiderte sie. Ohne Vorwarnung riss sie das Lenkrad herum und bog scharf in eine unbefestigte Seitenstraße ein, die sie eben passiert hatten. Der Volvo schlingerte, die Reifen knirschten auf dem Schotter und die drei Jungen wurden in ihre Sitze gepresst. Der Wagen schoss eine staubige Piste entlang, die von dunklen, knorrigen Bäumen gesäumt war.
Justus blickte nach hinten. Die Scheinwerfer auf der Hauptstraße fuhren weiter, ohne langsamer zu werden, und verschwanden hinter einer Biegung. „Sie sind nicht abgebogen. Vielleicht war es nur ein Zufall.“
„Vielleicht“, sagte Dr. Thorne, aber sie verlangsamte das Tempo nicht. „Aber nun wissen sie, wo wir ungefähr waren. Wir können nicht zurück nach Rocky Beach. Keinesfalls. Eure Häuser sind die ersten Orte, an denen sie suchen werden.“
Die Erkenntnis traf die drei Freunde wie ein Schlag in die Magengrube. Sie konnten nicht nach Hause. Nicht zu Tante Mathilda und Onkel Titus. Nicht zu ihren Eltern. Sie waren auf der Flucht. Heimatlos.
Nach weiteren zwanzig Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten, verlangsamte Dr. Thorne das Tempo und bog auf den Parkplatz eines heruntergekommenen Motels. Eine rostige Leuchtreklame flackerte unregelmäßig und warf ein gespenstisches, rotes Licht auf die Fassade: „SEA BREEZE MOTEL“. Von einer Meeresbrise war nichts zu spüren. Die Luft war feucht und roch nach Moder und stehendem Wasser.
„Hier bleiben wir für die Nacht“, erklärte sie und stellte den Motor ab. Die plötzliche Stille war ohrenbetäubend. „Zimmer 7. Bar bezahlt, unter falschem Namen. Nehmt nichts mit, was euch identifizieren könnte. Geht schnell. Schaut euch nicht um.“
Sie stiegen aus. Die Nachtluft war kalt und bissig. Jeder Schatten schien eine Bedrohung zu sein, jedes Geräusch – das Knistern von Laub unter den Füßen, das ferne Heulen eines Kojoten – ließ sie zusammenzucken. Dr. Thorne führte sie zu einer Tür am Ende des rissigen Betonstegs. Sie schloss schnell auf und schob sie hinein, bevor sie die Tür wieder verriegelte und eine zusätzliche Sicherheitskette vorlegte.
Der Raum war kahl und deprimierend. Zwei durchgelegene Betten, ein wackeliger Tisch mit zwei Stühlen und ein kleiner Röhrenfernseher in der Ecke. Der Teppich hatte undefinierbare Flecken und es roch nach altem Rauch und scharfem Reinigungsmittel. Es war der trostloseste Ort, an dem sie je waren.
Peter ließ sich auf eines der Betten fallen und vergrub das Gesicht in seinen Händen. Seine Schultern zuckten. Bob stand unschlüssig in der Mitte des Raumes, die Arme um sich geschlungen, als würde er frieren.
Justus trat zu Dr. Thorne, die am Fenster stand und vorsichtig durch einen Spalt in den Vorhängen nach draußen spähte.
„Was jetzt?“, fragte er leise, aber seine Stimme war fest. Angst war die eine Sache, Resignation eine andere. „Wir können uns nicht ewig verstecken. Wir haben keine Beweise mehr. Die Kamera ist weg.“
„Das ist ein Problem“, gab sie zu, ohne sich umzudrehen. „Ohne die Fotos ist es nur unser Wort gegen das Nichts. Die Polizei würde uns für verrückt erklären oder, schlimmer noch, die Wächter haben Informanten bei den Behörden. Ein Anruf bei der Polizei wäre unser Todesurteil.“
„Also was ist der Plan?“, drängte Justus. „Sie haben uns hierher gebracht. Sie müssen einen Plan haben.“
Endlich drehte sich Dr. Thorne um. Im fahlen Licht der Nachttischlampe wirkte ihr Gesicht erschöpft und von tiefen Sorgenfalten durchzogen. Es war das erste Mal, dass Justus einen Riss in ihrer eisernen Fassade sah.
„Der ursprüngliche Plan war, das U-Boot zu lokalisieren und die Behörden auf einer höheren, internationaleren Ebene zu informieren. Diskret. Aber das ist gescheitert. Die Wächter waren schneller. Sie wussten, dass jemand schnüffelt.“ Sie machte eine Pause, ihr Blick wanderte von Justus zu Bob und dann zu dem zusammengekauerten Peter. „Mein neuer Plan ist es zu überleben.“
„Und wie stellen Sie sich das vor?“, fragte Bob. „Sollen wir einfach verschwinden? Ein neues Leben anfangen?“
Ein schwaches, ironisches Lächeln huschte über Thornes Lippen. „So einfach ist das nicht. Sie haben euch gesehen. Sie wissen, wie ihr ausseht. Sie werden euch jagen.“
Die endgültige, schreckliche Wahrheit dieser Worte senkte sich wie ein Leichentuch über den Raum. Es gab kein Zurück. Ihr altes Leben war vorbei. In dem Moment, als sie die Höhle betreten hatten, hatten sie eine Grenze überschritten, von der es keine Rückkehr gab.
Justus atmete zittrig ein. Sein Gehirn, sein stärkstes Werkzeug, fühlte sich überlastet an, unfähig, eine Lösung zu finden. Doch dann meldete sich etwas anderes zu Wort. Ein Funke Trotz. Ein tief verwurzeltes Gefühl für Gerechtigkeit.
„Nein“, sagte er leise, aber mit einer neuen Entschlossenheit. „Wir werden uns nicht jagen lassen. Wir werden sie aufhalten.“
Peter hob den Kopf. „Bist du verrückt, Justus? Hast du nicht gehört? Diese Leute sind Mörder!“
„Gerade deswegen!“, erwiderte Justus und seine Stimme wurde lauter. „Wir können nicht zulassen, dass sie damit durchkommen. Wir sind die Einzigen, die wissen, was dort draußen ist. Wir sind Zeugen.“
Dr. Thorne betrachtete ihn mit einem seltsamen Ausdruck, einer Mischung aus Bewunderung und Mitleid. „Du hast das Herz eines Löwen, Justus Jonas. Aber das Herz eines Löwen bringt dich um, wenn du gegen eine Armee kämpfst.“
Sie trat einen Schritt näher. Ihre Stimme wurde zu einem konspirativen Flüstern. „Es gibt da noch etwas, das ihr wissen müsst. Etwas, das ich euch bisher verschwiegen habe.“
Die drei Jungen hielten den Atem an.
„Ich habe euch nicht nur engagiert, weil ihr gut darin seid, Dinge zu finden“, fuhr sie fort. „Ich wusste, dass Die Wächter auf meiner Spur waren. Ich wurde beobachtet. Jeder Archäologe, jeder Historiker, der sich mit diesem Küstenabschnitt beschäftigt, steht unter Beobachtung. Ich hätte mich dem Wrack niemals unbemerkt nähern können.“
Sie machte eine Pause und ließ die Worte wirken. Justus spürte, wie sich eine eiskalte Vorahnung in ihm ausbreitete.
„Aber niemand“, fuhr sie mit leiser, schneidender Stimme fort, „absolut niemand achtet auf drei Teenager aus einer Kleinstadt, die für ihre harmlosen kleinen ‚Detektivspiele‘ bekannt sind.“
Die Erkenntnis traf Justus mit der Wucht eines Vorschlaghammers. Ihm wurde schwindelig.
Bob fand als Erster die Sprache wieder. „Sie … Sie haben uns benutzt“, flüsterte er ungläubig.
„Ja“, sagte Dr. Aris Thorne, und ihre Augen waren kalt und ohne Reue. „Ich habe euch als Köder benutzt. Ich habe gehofft, dass eure Unauffälligkeit euch zum Ziel führen würde, ohne dass die Wächter es sofort bemerken. Ich habe nicht damit gerechnet, dass sie so nah dran sind.“
Die Luft schien aus Justus' Lungen zu entweichen. Es war nicht nur Leichtsinn gewesen, der sie in diese Lage gebracht hatte. Es war Kalkül. Sie waren nicht zufällig in dieses Wespennest gestolpert. Sie waren hineingestoßen worden.
„Ihr wart meine einzige Chance, unentdeckt an das U-Boot heranzukommen“, schloss sie. „Und jetzt seid ihr meine einzige Chance zu überleben. Denn wir stecken gemeinsam in dieser Sache. Ob es euch gefällt oder nicht.“