Die Luft im Krankenflügel war dick und abgestanden. Sie schmeckte nach Staub, poliertem Stein und den bitteren Kräutern, die die Heilerin namens Pomfrey über einem dampfenden Kessel zerrieb. Für Dive war jeder Atemzug ein Kampf. Es war eine trockene, kratzige Luft, die an der empfindlichen Haut ihrer Kiemen zog und ein beständiges, leises Brennen verursachte. Sie saß auf einem Hocker zwischen den Betten von Kid und Killer, reglos wie eine Statue, aber innerlich vibrierte sie vor Unruhe.
Die Decke war erdrückend hoch, ein Gewölbe aus Stein, das das Licht der magischen Fackeln schluckte und lange, tanzende Schatten warf. Alles hier war aus Stein. Die Wände, der Boden, die Fensterbänke. Ein Gefängnis aus Stein. Ein Grab. Sie verstand, warum Heat es einen Hafen aus Stein genannt hatte, aber für sie fühlte es sich nicht wie ein Hafen an. Es war das Gegenteil von Wasser: starr, unnachgiebig, erstickend.
Ihr Blick wanderte zu Kid. Der Mann mit den fettigen Haaren, Snape, hatte ein komplexes Netz aus leuchtenden Fäden um den Stumpf seines Armes gewoben. Die Funken waren erloschen, das unkontrollierte Zucken seiner Muskeln hatte aufgehört, aber sein Gesicht war unter dem roten Haar aschfahl. Er schlief einen unruhigen, fiebrigen Schlaf. Killer neben ihm war stiller. Madam Pomfrey hatte seine gesprungene Maske nicht abgenommen – ein stillschweigendes Zugeständnis an den Respekt, den selbst Fremde einem Mitglied der Kid-Piraten entgegenbrachten –, aber sie hatte die Wunde darunter mit einem übel riechenden, leuchtend grünen Balsam versorgt. Die Blutung hatte aufgehört.
Sie lebten. Das war alles, was zählte. Aber es war nicht genug.
Wire war vor einer Stunde mit Dumbledore mitgegangen, um „die Einzelheiten ihrer Unterkunft zu besprechen“, wie der alte Mann es genannt hatte. Heat war ebenfalls gegangen, um die Umgebung des Schlosses auszukundschaften, seine Hände in den Taschen vergraben, die Schultern angespannt. Er hasste es, eingesperrt zu sein, fast so sehr wie sie.
Aber Dives Unbehagen war tiefer. Es war körperlich. Ihre Haut fühlte sich trocken und schuppig an. Eine feine Schicht Salz kristallisierte an den Rändern ihrer Kiemenschlitze, ein verzweifelter Versuch ihres Körpers, die gewohnte Umgebung der See zu simulieren. Sie wusste, dass sie nicht ewig in dieser trockenen Luft überleben konnte. Vielleicht Tage, vielleicht eine Woche. Aber irgendwann würden ihre Kiemen austrocknen, sich entzünden und dann versagen.
Es gab nur einen Ort, an dem sie finden konnte, was sie brauchte.
Sie wartete, bis die Nacht am tiefsten war. Madam Pomfrey hatte sich in ihr kleines Büro zurückgezogen, die Tür stand einen Spalt offen. Ein leises, gleichmäßiges Schnarchen drang heraus. Dive erhob sich, ohne ein Geräusch zu machen. Ihre Bewegungen waren fließend, eine Ökonomie der Muskeln, die sie über Jahre des Kampfes und der Jagd in den Tiefen des Meeres perfektioniert hatte.
Barfuß glitt sie über den kalten Steinboden. Die große Tür des Krankenflügels war unverschlossen. Der Korridor dahinter war ein Labyrinth aus Dunkelheit und Stille, nur durchbrochen von den silbernen Lichtflecken, die der Mond durch die hohen Bogenfenster warf. Sie mied das Licht, hielt sich an die Schatten. Die Geister, die sie bei ihrer Ankunft gesehen hatte, waren verschwunden, aber die Stille war nicht leer. Sie war wachsam.
Ein leises Scharren ließ sie erstarren. Sie drückte sich in eine Nische hinter einer Rüstung, die nach altem Metall und Staub roch. Ein gebeugter Mann mit einem schlaffen Gesicht und hohlen Augen schlurfte den Gang entlang, eine einzelne Laterne in der Hand. Ihm zu Füßen tapste eine dürre Katze mit Augen, die im Dunkeln wie zwei glühende Kohlen aussahen. Die Katze blieb stehen, ihr Kopf hob sich, und sie starrte direkt in die Nische, in der Dive kauerte. Ein leises, anklagendes Miauen.
„Was ist, meine Süße?“, krächzte der Mann, der Filch sein musste, der Hausmeister, von dem Dumbledore gesprochen hatte. „Riechst du etwas? Störenfriede?“
Dive hielt den Atem an. Ihre Muskeln spannten sich, bereit zum Sprung. Aber der Mann tätschelte nur den Kopf der Katze. „Komm schon. Es gibt noch den ganzen dritten Stock zu kontrollieren.“ Er schlurfte weiter, und die Katze warf einen letzten misstrauischen Blick zurück, bevor sie ihm folgte.
Dive wartete, bis das Geräusch ihrer Schritte verklungen war. Die Katze war eine Gefahr. Sie merkte sich das Tier.
Sie fand den Weg nach draußen leichter als erwartet, als würde das Schloss sie ausstoßen wollen. Die schwere Eichentür öffnete sich knarrend unter ihrem vorsichtigen Druck, und dann schlug ihr die kalte, feuchte Nachtluft entgegen. Es war immer noch die falsche Art von Feuchtigkeit, aber sie war besser als die trockene Luft drinnen. Sie atmete tief durch, das Brennen in ihren Kiemen ließ ein wenig nach.
Der Abhang zum See war steil und rutschig vom Tau. Sie bewegte sich schnell, ihre nackten Füße fanden mühelos Halt auf dem nassen Gras und den Steinen. Der Schwarze See lag vor ihr, eine spiegelglatte Fläche aus Tinte unter dem zersplitterten Mond. Die Trümmer der Victoria Punk waren dunkle, gezackte Schatten im seichten Wasser.
Ohne zu zögern, glitt sie in das kalte Wasser.
Die Kälte war ein Schock, aber ein willkommener. Es war eine vertraute Umarmung. Sobald das Wasser über ihren Kopf schloss, veränderte sich alles. Das Brennen verschwand. Die Enge in ihrer Brust löste sich. Ihre Kiemen öffneten sich weit und sogend das sauerstoffreiche Wasser ein. Hier war sie kein verletzliches, gestrandetes Wesen. Hier war sie zu Hause. Ihre Augen passten sich sofort an die Dunkelheit an, und sie sah die Welt in den gedämpften Blau- und Grüntönen der Tiefe.
Sie schwamm zum Wrack. Die Victoria Punk lag auf der Seite, ihr Rumpf war an mehreren Stellen aufgerissen. Die zerstörte Schönheit ihres Schiffes schmerzte sie, ein dumpfer Schmerz in ihrer Brust. Es war mehr als nur Holz und Metall gewesen. Es war der Ort, an dem sie gegessen, geschlafen und gelacht hatten. Ein Teil von ihnen war mit diesem Schiff untergegangen.
Sie glitt durch einen Riss im Rumpf in den Laderaum. Kisten und Fässer schwebten träge in der Dunkelheit, ihr Inhalt verteilte sich langsam im Wasser. Sie schwamm weiter, durch die zerstörte Kombüse, vorbei an umgestürzten Tischen in der Messe. Ihr Ziel war der kleine Sanitätsraum neben Kids Kabine. Die Tür war aus den Angeln gerissen. Im Inneren herrschte Chaos. Glasfläschchen und zerbrochene Instrumente trieben umher. Sie durchsuchte die Trümmer systematisch, ihre Finger tasteten nach der vertrauten Form. Endlich fand sie es: eine kleine, wasserdichte Metallkiste, kaum größer als ihre Hand. Sie klemmte sie unter ihren Arm. Darin waren die speziellen Salzkonzentrate und Algenextrakte, die sie brauchte, um ihre Physiologie im Gleichgewicht zu halten.
Ihre erste Mission war erfüllt. Nun zur zweiten.
Sie schwamm zu Kids Kabine. Die Tür war verschwunden, der Raum ein Trümmerfeld. Die große Seekarte war von der Wand gerissen, sein Schreibtisch war zerbrochen. Kid würde toben, wenn er das sah. Sie suchte nach der versteckten Schublade im Schreibtisch, in der er die Baupläne für seinen mechanischen Arm aufbewahrte. Er vertraute niemandem die Wartung an, nicht einmal Wire. Er würde diesen Zauberern niemals erlauben, einen Ersatz zu bauen. Er würde darauf bestehen, ihn selbst wieder zu erschaffen.
Sie fand die Schublade, aufgebrochen und leer. Die Pläne waren weg, wahrscheinlich im Chaos davongetrieben. Enttäuschung stieg in ihr auf. Doch als ihre Finger über das zerbrochene Holz strichen, spürte sie etwas anderes. Ein Stück Metall, das sich tief in die Planken des Rumpfes gebohrt hatte, direkt unter dem Schreibtisch.
Es war nicht von ihrem Schiff. Es war kein Holzsplitter, kein normaler Nagel. Neugierig verhakte sie ihre Fingernägel darunter und hebelte es heraus. Es war ein kleines, glattes Fragment, dunkel und ohne jede Schweißnaht oder Niete. Es fühlte sich seltsam an, nicht kalt wie das umgebende Metall, sondern fast... lauwarm. Und es summte. Ein kaum wahrnehmbares, tiefes Summen, das durch ihre Finger direkt in ihre Knochen zu vibrieren schien. Es war Magie, da war sie sich sicher. Aber es war nicht die Art von roher, explosiver Energie, die ihre Angreifer benutzt hatten. Dies war etwas anderes. Kontrollierter. Präziser.
Was war das? Und wie war es hierhergekommen? Es steckte so tief, dass es während des Kampfes eingeschlagen sein musste. Aber es passte zu keiner Waffe, die sie kannten.
Ein Schatten fiel über sie.
Dive erstarrte. Sie drehte sich langsam um. Die Dunkelheit außerhalb des Wracks war nicht mehr leer. Etwas riesiges, undenkbar riesiges, schwebte in den Tiefen des Sees. Sie konnte nur einen Teil davon erkennen: ein Auge, so groß wie der Tisch in ihrer Messe, mit einer bernsteinfarbenen Iris und einer vertikalen Pupille. Es starrte sie nicht an. Es beobachtete sie. Mit einer alten, unermesslichen Intelligenz. Der Riesenkalmar.
Gleichzeitig spürte sie eine andere Präsenz. Näher. Eine Gruppe kleiner, hagerer Kreaturen mit spitzen Zähnen und langen, knochigen Fingern hatte sich am Rande des Wracks versammelt. Grindelohs. Sie zischten leise und ihre kleinen, bösartigen Augen leuchteten in der Dunkelheit. Sie griffen nicht an. Sie warteten nur.
Plötzlich war der See kein Zufluchtsort mehr. Er war nur ein weiteres Territorium mit eigenen Regeln und eigenen Wächtern. Sie war eine Eindringlingin.
Dive umklammerte die Metallkiste und das seltsame, summende Fragment. Sie stieß sich vom Wrack ab und schoss in Richtung Oberfläche, schneller als je zuvor. Sie blickte nicht zurück.
Als sie keuchend am Ufer auftauchte, war die kalte Nachtluft wieder ein Feind, der an ihren Kiemen zerrte. Sie rannte zurück zum Schloss, das wie ein schlafender Gigant auf dem Hügel thronte. Zurück in den steinernen Käfig.
Leise schlich sie sich wieder in den Krankenflügel. Alles war wie zuvor. Pomfrey schnarchte. Kid und Killer schliefen. Aber für Dive hatte sich alles verändert. Sie hielt die Kiste in der Hand, die ihr Überleben für eine Weile sichern würde. In der anderen Hand hielt sie ein Geheimnis. Ein Stück Metall, das nicht existieren dürfte. Der Beweis, dass eine unbekannte Partei an ihrem „Unfall“ beteiligt war.
Der See hatte ihr Zuflucht gewährt, aber auch eine Warnung. Das Schloss war ein Gefängnis, das sie hasste. Aber sie verstand jetzt, dass die Welt draußen vielleicht noch gefährlicher war, auf eine Weise, die sie noch nicht begriff. Sie war nicht länger nur eine Gestrandete, die auf Rettung wartete. Sie war eine Jägerin, die in einem fremden Revier eine Spur aufgenommen hatte.