Das Pochen an ihrer Tür kam genau drei Minuten, nachdem sie sie geschlossen hatte. Drei Minuten, die Bella wie eine Ewigkeit vorgekommen waren, in denen sie reglos auf ihrer Bettkante gesessen und das Medaillon angestarrt hatte, als könnte sie ihm seine Geheimnisse allein durch die Kraft ihres Willens entreißen. Das Metall war wieder kalt, unschuldig, doch die hauchdünne Naht, die die Hitze offenbart hatte, war ein unauslöschliches Zeichen. Ein Versprechen für ein Schloss, zu dem es einen Schlüssel geben musste.
Der Schlaftrunk. Ihr Vater.
Sie ließ das Medaillon in ihre Tasche gleiten, sprang auf und zwang ihre zitternden Glieder zur Ruhe. Sie atmete tief durch, zog die Maske der müden, trauernden Tochter wieder auf und öffnete die Tür.
Er stand da, ein kleiner, dampfender Kelch in seiner Hand. Der Geruch war bitter und vertraut, eine Mischung aus Lavendel und einem Hauch Lethe-Flusswasser – stark genug, um einen Drachen in den Schlaf zu wiegen.
„Trink es“, sagte er, seine Stimme ohne jede inflexion. Seine Augen, dunkel und undurchdringlich, musterten sie. „Du brauchst Ruhe.“
„Danke, Vater“, murmelte sie und nahm den Kelch entgegen. Ihre Finger streiften seine. Ein Funke statischer Elektrizität, mehr nicht. Das Medaillon in ihrer Tasche blieb still. Sie wartete darauf, dass er sich abwandte, zurück in sein Arbeitszimmer ging, aber er blieb stehen. Er wartete.
Sie verstand. Er würde erst gehen, wenn sie es getrunken hatte. Um sicherzugehen.
Mit einem Gefühl der Endgültigkeit führte sie den Kelch an ihre Lippen und leerte ihn in einem langen Zug. Die bittere Flüssigkeit brannte in ihrer Kehle. Sie reichte ihm den leeren Kelch.
„Schlaf jetzt, Isabella.“
Er drehte sich um und ging den Gang hinunter. Das leise Klicken der Tür seines Arbeitszimmers, als sie ins Schloss fiel, war das Geräusch einer sich schließenden Falle. Sie hatte vielleicht zehn Minuten, höchstens fünfzehn, bevor der Trank sie überwältigen würde.
Ein wahnsinniger, verzweifelter Plan formte sich in ihrem Kopf, geboren aus der schwindenden Zeit und der brennenden Notwendigkeit. Wenn das Medaillon in seiner Nähe reagierte, wenn das ‚S‘ für seinen Namen stand, dann musste die Antwort dort liegen, wo er am meisten er selbst war. In seinem Arbeitszimmer.
Es war ein heiliger Ort, verbotener als jeder andere Winkel von Hogwarts. Ein Raum, den sie seit ihrer Kindheit nur betreten durfte, wenn sie gerufen wurde. Er war mit mehr als nur einem Schloss gesichert.
Sie wusste es, weil er es sie gelehrt hatte. *„Man schützt, was wichtig ist, nicht nur vor Feinden, sondern auch vor unbedachten Freunden.“* Eine Lektion in Schutzzaubern, die sie als Zehnjährige erhalten hatte. Sie hatte ihm damals zugesehen, wie er die komplizierte Sequenz von Berührungen und geflüsterten Worten an der Tür vollzog. Eine Sequenz, die auf Blut und Absicht reagierte. Sein Blut. Ihre Blutlinie. Ein Schutz, der sie draußen halten sollte, es sei denn, der Notfall wäre so groß, dass sie bereit wäre, einen Teil ihrer eigenen Magie als Schlüssel zu opfern.
Die erste Welle der Schläfrigkeit kroch ihre Beine hoch, schwer wie Blei. Es gab kein Zurück mehr.
Leise wie ein Schatten schlich sie den Gang entlang. Die Fackeln warfen flackernde Lichter, die wie anklagende Finger auf sie zeigten. An seiner Tür hielt sie inne. Sie lauschte. Stille. Wahrscheinlich war er bereits in seine Lektüre vertieft.
Sie holte zitternd Luft und legte ihre Handfläche auf das kalte Holz der Tür, genau über dem verborgenen Sensorzauber. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich. Sie dachte nicht an das Medaillon oder Malfoy. Sie dachte an ihn. Ihren Vater. An die Angst, ihn zu verlieren. Es war die einzige reine, wahre Absicht, die sie in diesem Moment aufbringen konnte.
„*Custos filiae*“, flüsterte sie, die Worte kaum mehr als ein Hauch. „Der Wächter der Tochter.“ Ein winziger Stich, als der Zauber einen Funken ihrer Magie anzapfte. Es gab ein leises, fast unhörbares Klicken. Die Tür war offen.
Der Raum war erfüllt von seinem Geruch: alte Bücher, Pergament und die scharfe, saubere Note von Belladonna. Alles stand an seinem Platz. Die Phiolen auf den Regalen glänzten in Reih und Glied, die Bücher waren nach Größe und Thema geordnet, der Schreibtisch war makellos, bis auf ein einziges, aufgeschlagenes Buch und eine Feder, die ordentlich daneben lag.
Die Schläfrigkeit war jetzt ein schwerer Mantel auf ihren Schultern. Sie hatte keine Zeit. Wo anfangen?
Sie zog das Medaillon aus ihrer Tasche und hielt es wie einen Kompass in ihrer Hand. Es blieb kalt. Sie bewegte sich langsam durch den Raum, vorbei an den Regalen mit den seltenen Trankzutaten, den Gläsern mit schwebenden, unheimlichen Kreaturen. Nichts. Die Zeit lief ihr davon. Ihr Kopf wurde schwer, die Ränder ihres Blickfeldes verschwammen.
Sie wandte sich dem riesigen, dunklen Eichenschreibtisch zu. Er war das Zentrum seines Universums. Wenn es ein Geheimnis gab, war es hier. Sie ging um ihn herum, das Medaillon fest umklammert.
Als ihre Hüfte die Ecke des Schreibtisches passierte, die am weitesten von der Tür entfernt war, zuckte sie zusammen. Wärme. Ein vertrautes, pulsierendes Glühen begann vom Medaillon auszugehen. Nicht so heiß wie zuvor, aber unverkennbar.
Sie kniete nieder. Die Seite des Schreibtisches schien eine massive Holzplatte zu sein. Aber ihr Vater hatte sie gelehrt, dass die offensichtlichsten Oberflächen die besten Verstecke waren. Ihre Finger strichen über das glatte, kalte Holz. Das Medaillon in ihrer Hand wurde wärmer, als sie sich einem bestimmten Punkt in der Nähe des Bodens näherte.
Dort. Eine winzige Unebenheit in der Maserung, nicht größer als ein Stecknadelkopf. Kein Schloss, kein Griff. Sie drückte darauf. Nichts geschah.
Sie versuchte es erneut, diesmal mit der Spitze ihres Zauberstabs. Wieder nichts. Die Frustration stieg in ihr auf, gemischt mit der aufkommenden Panik des Schlaftranks. Ihre Gedanken wurden träge, klebrig wie Sirup.
Das Medaillon. Es war der Schlüssel. Aber wie?
Sie hielt das nun deutlich warme Medaillon gegen die Stelle. Das ‚S‘ auf dem kalten Holz. In dem Moment, in dem das Metall die kaum sichtbare Markierung berührte, gab es ein leises Surren. Ein Teil der Holzplatte zog sich lautlos in den Schreibtisch zurück und enthüllte ein schmales, dunkles Fach.
Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Sie hatte es geschafft.
Im Inneren lag kein Stapel geheimer Briefe, keine Kiste mit Juwelen. Dort lag nur ein einziges, dünnes Buch, in schwarzes Leder gebunden, ohne Titel. Es war klein, nicht größer als ihre Hand. Daneben lag ein einzelner, getrockneter Zweig Silberlaub.
Ihre Finger zitterten, als sie nach dem Buch griff. Es fühlte sich alt an, das Leder war an den Rändern abgenutzt. Sie schlug es auf. Es war ein altes Zaubertrank-Journal. Die Handschrift war eng und spitz, aber weniger kontrolliert als die ihres Vaters heute. Es war die Handschrift eines jungen Mannes. Seine Handschrift.
Sie blätterte hastig durch die Seiten. Notizen zu Trank-Modifikationen, Skizzen von Zutaten, bittere Kommentare über seine Mitschüler. Es war ein Fenster in eine Vergangenheit, die er ihr nie gezeigt hatte.
Ihre Sicht verschwamm. Der Trank. Er zog sie nach unten. Sie musste sich beeilen.
Fast auf der letzten Seite blieb sie hängen. Dort war keine Schrift. Nur eine einzige, sorgfältige Zeichnung.
Die Zeichnung zeigte zwei Objekte. Das eine war unverkennbar das Medaillon, das sie in der Hand hielt. Das andere war ein Armreif, filigran und elegant, mit einem leeren Platz für einen Stein. Eine geschwungene Linie verband die beiden Objekte, als gehörten sie zusammen, wie zwei Teile eines magischen Kreises.
Und unter der Zeichnung, mit der gleichen jugendlichen, wütenden Tinte geschrieben, standen zwei Worte.
Ein Gelübde. Narcissa.
Nicht Malfoy. Narcissa.
Die Luft wurde ihr aus den Lungen gepresst. Ein Gelübde. Ihr Vater und Draco Malfoys Mutter. Dieses Medaillon… es war ein Teil davon. Ein Teil eines unbrechbaren Schwurs? Einer alten Schuld? Einer Verbindung, die so tief und geheim war, dass sie alles in Frage stellte, was sie über ihren Vater zu wissen glaubte?
Ein leises Geräusch aus dem Gang riss sie aus ihrer Trance. Ein Stuhl, der über den Steinboden scharrte. Er hatte seine Lektüre beendet. Er stand auf.
Panik, rein und überwältigend, durchbrach den Nebel des Schlaftranks.
Sie schlug das Buch zu, schob es zurück in das Fach, legte den Silberlaubzweig daneben. Sie presste das Medaillon gegen den Auslöser. Das Fach schloss sich mit einem leisen Klicken, eine Sekunde bevor die Türklinke des Arbeitszimmers heruntergedrückt wurde.
Sie erstarrte, kauerte im Schatten des Schreibtisches, ihr Herz hämmerte so laut, dass sie sicher war, er müsste es hören. Die Tür öffnete sich.
Er trat nicht ein. Er stand nur da, sein Schatten fiel lang und dunkel in den Raum. Er schien zu lauschen, die Stille abzutasten. Bella hielt den Atem an, jeder Muskel in ihrem Körper war angespannt. Die Dunkelheit unter dem Schreibtisch war ihr einziger Verbündeter.
Nach einer Ewigkeit, die vielleicht nur zehn Sekunden dauerte, trat er zurück und schloss die Tür. Das leise Klicken des sich wieder aktivierenden Schutzzaubers hallte in der Stille wider.
Sie wartete, zählte ihre eigenen, langsamen Herzschläge. Einer. Zwei. Drei. Sie musste hier raus. Der Trank gewann. Ihre Glieder waren schwer, ihr Geist ein trübes Durcheinander. Mit letzter Kraft kroch sie zur Tür, wiederholte das Flüstern, opferte einen weiteren Funken ihrer schwindenden Magie und schlüpfte hinaus.
Sie schaffte es kaum zurück in ihr Zimmer, bevor ihre Beine nachgaben. Sie stolperte zu ihrem Bett, fiel hinein, voll bekleidet.
Die letzten Worte, die sie in dem Journal gelesen hatte, brannten sich in ihren Geist, heller als jede Fackel, schärfer als jeder Schmerz. *Ein Gelübde. Narcissa.*
Ihr Vater war kein einfacher Beschützer. Er war gebunden. Und Draco Malfoy hatte sie gerade zu einem Teil dieses Bundes gemacht. Der Schlaf, der sie endlich überwältigte, war kein Frieden, sondern ein Sturz in eine tiefere, dunklere Wahrheit.