Die drei ???Dark & Thriller

    Was der Nebel verbirgt

    17 0 0
    Chapter 1 / 3: Was der Nebel verbirgt

    Der Geruch von altem Papier und feuchter Seeluft hing schwer in der Zentrale. Er ging von der Seekarte aus, die wie ein blasser, kränklicher Patient auf dem großen Tisch in der Mitte des Raumes lag. Justus Jonas beugte sich darüber, die Fingerspitzen seiner Daumen und Zeigefinger bildeten ein nachdenkliches Rechteck vor seinem Gesicht. Seine Augen, sonst so lebhaft und scharf, waren zu Schlitzen verengt und fixierten die vergilbten Linien und Symbole.

    „Es ist handgezeichnet“, murmelte er mehr zu sich selbst. „Die Küstenlinie ist ungenau, fast archaisch. Aber diese Tiefenangaben hier… die sind präzise. Zu präzise für eine Karte aus dieser Zeit.“

    Peter Shaw stand unruhig am Ausgang, dem schmalen, getarnten Tunnel, der zur Außenwelt führte. Er rieb sich die Arme, obwohl es in der Zentrale nicht kalt war. „Mir ist das nicht geheuer, Just. Das Ding lag einfach vor der Tür. In einer rostigen Metallröhre, ohne Absender, ohne Nachricht. Das schreit nach Ärger.“

    „Jede gute Geschichte beginnt mit einem Geheimnis, Peter“, erwiderte Bob Andrews, der an einem der Schreibtische saß und fieberhaft auf seinem Laptop tippte. Sein Gesicht wurde vom bläulichen Schein des Monitors erhellt und warf tiefe Schatten unter seine Augen. „Aber Peter hat nicht ganz Unrecht. Der Zeitpunkt ist… beunruhigend.“

    Justus richtete sich auf. „Du meinst die Vermisstenfälle.“

    Es war keine Frage. Seit drei Wochen herrschte in Rocky Beach eine subtile, nagende Angst. Zuerst war es nur ein Gerücht, ein Flüstern in den Bars am Hafen. Old Man Hemlock, ein alter Fischer, der seit Jahrzehnten allein in seiner Hütte an den Klippen lebte, war nicht mehr gesehen worden. Dann verschwand eine obdachlose Frau, die immer in der Nähe des Piers schlief. Letzte Woche war es ein junger Surfer, der für eine nächtliche Session aufgebrochen und nie zurückgekehrt war.

    Die Polizei tappte im Dunkeln. Keine Spuren, keine Forderungen, keine Zeugen. Nur das Meer, das gleichgültig gegen die Küste schlug, und der Nebel, der in diesen Nächten ungewöhnlich dicht und hartnäckig war.

    „Ich habe die Vermisstenfälle auf einer Karte von Rocky Beach markiert“, sagte Bob und drehte seinen Laptop zu den anderen. Rote Punkte leuchteten auf. „Hemlocks Hütte, der Schlafplatz der Frau, der Strandabschnitt des Surfers. Sie bilden eine Linie. Eine grobe Linie, aber sie verläuft parallel zur Küste, etwa eine halbe Meile landeinwärts.“

    Peter trat näher, seine Abneigung wich einer morbiden Faszination. „Als ob jemand die Küste entlanggeht und sich wahllos Leute schnappt.“

    „Nicht wahllos“, korrigierte Justus leise und deutete wieder auf die Seekarte. „Seht ihr das? Dieses Symbol hier?“ Er tippte auf ein kleines, kaum erkennbares Kreuz, das mit einem Anker kombiniert war. Es befand sich weit draußen auf dem Meer, direkt vor dem Küstenabschnitt, den Bob markiert hatte. Daneben standen verblasste Koordinaten und eine handgeschriebene Notiz in deutscher Sütterlinschrift.

    Bob kniff die Augen zusammen. „‚U-977… Letzte Ruhe.‘ U-977? Das war ein deutsches U-Boot aus dem Zweiten Weltkrieg. Eines derjenigen, die nach Kriegsende unter mysteriösen Umständen verschwanden. Man munkelte, es hätte hochrangige Nazis oder geheime Fracht nach Südamerika bringen sollen.“

    „Und diese Karte zeigt seine angebliche Position“, vollendete Justus den Gedanken. Eine schwere Stille legte sich über die Zentrale, nur unterbrochen vom leisen Surren von Bobs Laptop. Ein verschollenes Nazi-U-Boot, eine geheimnisvolle Karte und Menschen, die spurlos verschwinden. Die Puzzleteile passten auf eine Weise zusammen, die Peter eine Gänsehaut über den Rücken jagte.

    „Und wer hat uns die Karte zugespielt?“, fragte er in die Stille hinein. „Und warum?“

    Die Antwort auf diese Frage führte sie am nächsten Nachmittag zu einem umgebauten Lagerhaus im Hafenviertel. Die Luft roch hier nach Diesel, Fisch und dem modrigen Duft von feuchtem Holz. Ein unauffälliges Schild neben einer schweren Stahltür verkündete: „Thorne Maritime Archaeology & Research“.

    Bob hatte den Namen auf der Metallröhre entdeckt, in der die Karte geliefert worden war. Ein Firmenstempel, fast vollständig von Rost zerfressen, aber unter dem richtigen Licht konnte man noch die stilisierten Buchstaben T-M-A-R erkennen, die in eine Kompassrose eingearbeitet waren. Eine schnelle Suche im Internet hatte sie zu Dr. Aris Thorne geführt, einer brillanten, aber zurückgezogen lebenden Archäologin, die sich auf Schiffswracks aus dem 20. Jahrhundert spezialisiert hatte.

    Sie klopften. Nach einer langen Pause wurde die Tür einen Spalt breit geöffnet. Eine Frau stand im Schatten des Eingangs. Sie war vielleicht Mitte vierzig, mit streng zurückgebundenem, dunklem Haar, aus dem sich einige graue Strähnen gelöst hatten. Ihre Augen waren das Auffälligste an ihr – ein kaltes, durchdringendes Grau, das sie musterte, als wären sie unerwünschte Proben unter einem Mikroskop. Sie trug einen praktischen Overall, der mit etwas verschmiert war, das wie Konservierungswachs aussah.

    „Was wollen Sie?“, fragte sie. Ihre Stimme war rau, ungeduldig.

    Justus trat vor, seine Haltung strahlte eine ruhige Autorität aus. „Dr. Thorne? Mein Name ist Justus Jonas. Das sind meine Kollegen, Peter Shaw und Bob Andrews. Wir sind… private Ermittler. Wir würden Ihnen gerne ein paar Fragen zu einer Seekarte stellen.“

    Ihr Blick verengte sich kaum merklich. „Ich habe keine Zeit für Spielchen von Schuljungen.“ Sie wollte die Tür bereits wieder schließen.

    „Es geht um das U-977“, sagte Justus schnell.

    Die Bewegung erstarrte. Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte etwas in ihren grauen Augen auf – Überraschung? Wut? Angst? Es war zu schnell wieder vorbei, ersetzt durch eine Maske professioneller Distanz. Schwerfällig schwang sie die Tür ganz auf. „Kommen Sie rein. Aber machen Sie schnell.“

    Das Innere des Lagerhauses war ein chaotisches Wunderland für jeden Historiker. Überall standen Kisten, gefüllt mit verrosteten Metallteilen, korrodierten Instrumenten und von Muscheln überkrusteten Artefakten. In großen, mit einer klaren Flüssigkeit gefüllten Becken schwebten größere Objekte – ein Bullauge, ein Stück eines Maschinentelegrafen. Der Geruch von Salz und Chemikalien war hier überwältigend.

    Dr. Thorne führte sie zu einem großen Arbeitstisch, auf dem Blaupausen und Sonarbilder ausgebreitet waren. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Also? Was für eine Karte?“

    Bob zog vorsichtig eine Fotokopie der Karte aus seiner Mappe. Das Original hatten sie sicher in der Zentrale verwahrt. Er legte sie auf einen freien Fleck auf dem Tisch.

    Dr. Thorne warf nur einen flüchtigen Blick darauf. „Eine Fälschung. Ziemlich gut gemacht, aber amateurhaft. Die Küstenlinien sind historisch inkorrekt, und die Schrift soll alt aussehen, ist aber modern.“ Ihre Abweisung kam zu schnell, zu glatt.

    „Das Symbol des Herstellers auf der Verpackung glich Ihrem Firmenlogo“, warf Bob ein.

    „Zufall. Mein Logo ist eine simple Kompassrose. Daran ist nichts einzigartig“, erwiderte sie kühl. „Es gibt Dutzende Legenden über das U-977. Schatzsucher und Spinner tauchen alle paar Jahre mit neuen Theorien und gefälschten Karten auf. Das hier ist nur eine weitere davon. Zeitverschwendung.“

    Justus ließ den Blick durch den Raum schweifen. Er blieb an einem Sonarbild hängen, das achtlos an einer Pinnwand hing. Es zeigte den Meeresboden, zerfurcht und felsig. In der Mitte war ein langer, zylindrischer Schatten zu erkennen. Die Form war unverkennbar. Er deutete darauf.

    „Und was ist das, Dr. Thorne? Auch eine Fälschung?“

    Ihr Kopf schnellte herum. Für einen Moment erstarrte sie, ihr Kiefer spannte sich an. Ihr Blick war pures Eis. „Das ist ein geologisches Gutachten für eine Ölfirma. Eine Felsformation.“

    „Eine Felsformation, die exakt die Abmessungen eines Typ-VII-C-U-Boots hat“, konterte Justus, ohne den Blick von ihr zu nehmen. „Die Koordinaten auf diesem Ausdruck sind geschwärzt, aber ich wette, sie stimmen mit denen auf unserer Karte überein.“

    Der Raum war so still, dass man das Tropfen von Wasser von einem der Artefakte in den Becken hören konnte. Dr. Thornes Hände ballten sich zu Fäusten.

    „Ich weiß nicht, wer Sie sind oder was Sie wollen“, sagte sie mit gepresster Stimme. „Aber Sie bewegen sich auf sehr dünnem Eis. Es gibt Dinge in der Tiefe, die man besser in Ruhe lässt. Dinge, die gefährlich sind. Vergessen Sie diese Karte. Vergessen Sie das U-Boot. Verschwinden Sie aus meinem Lagerhaus. Sofort.“

    Ihre Worte waren keine Bitte, sondern ein Befehl, unterlegt mit einer Drohung, die so kalt und schwer war wie der Druck in der Tiefsee.

    Schweigend verließen die drei Detektive das Lagerhaus und traten wieder in die salzige Nachmittagsluft. Der Himmel hatte sich zugezogen, graue Wolken schoben sich vom Meer her über die Stadt.

    „Sie lügt“, flüsterte Peter, als sie außer Hörweite waren. „Sie hat es gefunden, oder? Sie weiß genau, wo das Wrack liegt.“

    „Ohne jeden Zweifel“, bestätigte Justus finster. „Ihre Reaktion war nicht die einer Wissenschaftlerin, die von Amateuren belästigt wird. Es war die Reaktion von jemandem, dessen gefährliches Geheimnis aufzufliegen droht.“

    „Und sie will nicht, dass sich jemand einmischt“, fügte Bob hinzu. „‚Dinge, die gefährlich sind‘… Was ist an Bord dieses U-Boots, das solche Angst rechtfertigt?“

    Sie erreichten ihren alten Pick-up, der am Ende der Straße parkte. Justus blieb stehen und blickte hinaus aufs Meer, das unter dem grauen Himmel unruhig und bedrohlich wirkte. „Das werden wir herausfinden. Aber nicht, indem wir sie weiter konfrontieren. Wir umgehen sie.“

    „Was meinst du?“, fragte Peter nervös.

    Justus zog ein Handy aus der Tasche und öffnete eine Navigations-App. Sorgfältig gab er die Koordinaten von der Karte ein. Ein roter Pin erschien auf dem Display, weit draußen auf dem Wasser. Er zoomte näher heran an die Küste. „Die Koordinaten auf dem Meer sind zu weit weg für uns. Aber die Karte zeigt auch einen Zugangspunkt an der Küste. Eine kleine, uneinsehbare Bucht, die ‚Seufzer-Bucht‘ genannt wird. Von dort aus wurde anscheinend operiert.“

    Sein Blick wurde hart. „Wenn Dr. Thorne das Wrack bereits bearbeitet, dann muss es dort Spuren geben. Ausrüstung, ein Boot, irgendetwas. Wir fahren hin.“

    „Jetzt?“, stieß Peter hervor. „Es wird bald dunkel, Just. Und der Nebel…“

    Genau in diesem Moment heulte eine Nebelsirene in der Ferne auf, ein langgezogener, klagender Ton, der durch Mark und Bein ging. Dünne Schwaden begannen bereits, vom Wasser aufzusteigen und die Piers in ein geisterhaftes Grau zu hüllen.

    „Gerade deswegen“, sagte Justus. „Was auch immer dort draußen vor sich geht, es geschieht unter dem Schutz der Nacht und des Nebels. Und es hat mit den verschwundenen Menschen zu tun. Ich will wissen, was es ist, bevor noch jemand verschwindet.“

    Eine Stunde später standen sie am Rand einer steilen Klippe, einige Meilen nördlich von Rocky Beach. Unter ihnen lag die Seufzer-Bucht, eine zerklüftete, von schwarzen Felsen umschlossene Sichel aus dunklem Sand. Der Name passte. Der Wind, der durch die Felsspalten pfiff, klang wie ein leises, trauriges Stöhnen. Der Nebel war jetzt dicker, eine wabernde, feuchte Wand, die die Sicht auf das offene Meer versperrte und alle Geräusche schluckte.

    Bob fand den Pfad, kaum mehr als ein Trampelpfad, der sich steil die Klippe hinabwand. Er war rutschig und gefährlich. Als sie endlich den Strand erreichten, war die Dämmerung fast vollständig der Dunkelheit gewichen. Die Wellen schwappten leise gegen den Sand, ein unheimlich rhythmisches Geräusch.

    Zuerst sahen sie nichts. Doch dann entdeckte Peter im Schein seiner Taschenlampe Spuren im nassen Sand. „Hier! Fußabdrücke! Und… Reifenspuren. Von einem schweren Schlauchboot oder so etwas, das ins Wasser gezogen wurde.“

    Sie folgten den Spuren zu einer kleinen Höhle, die bei Flut halb unter Wasser stehen musste. Im Inneren war es stockdunkel. Justus schaltete seine stärkere Lampe ein. Der Lichtkegel tanzte über leere Benzinkanister, aufgerollte Seile und eine verwaiste Sauerstoffflasche, wie sie Profitaucher benutzen. Sie war mattschwarz lackiert, ohne jegliche Markierung.

    „Das ist professionelle Ausrüstung“, murmelte Bob. „Und teuer. Thorne, oder wer auch immer hier arbeitet, meint es ernst.“

    Justus leuchtete tiefer in die Höhle. Sein Lichtstrahl erfasste etwas, das in einer Ecke auf einem Haufen alter Netze lag. Es war klein und glänzte metallisch. Er ging hinüber und hob es auf.

    Es war ein alter, handgemachter Angelköder, geformt wie ein kleiner Fisch, mit einer markanten, selbstgemalten roten Flosse.

    Peter keuchte auf. „Das… das ist Hemlocks Köder. Sein Glücksköder. Er hat ihn nie aus der Hand gegeben. Ich habe ihn tausendmal damit am Pier gesehen.“

    Die Implikation hing bleischwer in der feuchten Höhlenluft. Old Man Hemlock war hier gewesen. Er war nicht einfach verschwunden. Er war zu dieser Bucht gekommen, hatte vielleicht etwas gesehen, das er nicht sehen sollte. Und dieser Köder war alles, was von ihm übrig geblieben war.

    In diesem Moment drang ein Geräusch von draußen an ihre Ohren. Zuerst leise, dann lauter werdend. Das dumpfe Dröhnen eines leistungsstarken Bootsmotors, der irgendwo im dichten Nebel vor der Bucht gestartet wurde.

    Ein kalter Schauer lief Peter über den Rücken. Die Haare in seinem Nacken stellten sich auf. Sie waren nicht allein.

    „Justus…“, flüsterte er heiser. „Jemand ist da draußen.“

    Der Motor heulte kurz auf und fiel dann in ein gleichmäßiges, tiefes Grollen, das sich langsam entfernte. Aber die Stille, die er hinterließ, war schlimmer. Es war eine beobachtende, lauernde Stille. Das Gefühl, angestarrt zu werden von unsichtbaren Augen aus dem Nebel, war plötzlich überwältigend.

    „Lasst uns von hier verschwinden“, presste Peter hervor. „Jetzt!“

    Justus nickte langsam, sein Blick starr auf die undurchdringliche graue Wand gerichtet, die das Meer verbarg. Er steckte den Angelköder vorsichtig in seine Tasche. Sie waren einem schrecklichen Geheimnis auf die Spur gekommen. Und sie hatten gerade herausgefunden, wie tödlich es war, ihm zu nahe zu kommen.

    Sign in to leave a review

    Help "Was der Nebel verbirgt" find its readers

    Pick a network — the link opens with a beautiful preview, cover image and caption already in place.

    Generate your own story

    Free AI fanfiction generator — create a chapter in 30 seconds.

    No account needed for your first chapter.