Der Geruch von Ozon und Desinfektionsmittel haftete an der Luft des Trainingsraums, schärfer noch als der nach Schweiß. Lyarra ließ die zehn Kilo schwere Hantel mit einem leisen, gummierten Krachen auf die Matte fallen. Ihre Muskeln zitterten, nicht vor Anstrengung, sondern vor reiner, satter Erschöpfung. Es war eine gute Art von Erschöpfung. Eine, die die Gedanken zum Schweigen brachte. Sie zog ihre verschwitzten Handschuhe aus und warf sie in ihre Tasche. Ein später Donnerstag. Oder war es schon ein früher Freitag? Die deckenhohen Fenster des Towers zeigten nur ein Meer aus Lichtern, das mit dem Sternenhimmel konkurrierte und gewann.
Der Flur zu den Aufzügen war still und leer. Ihre Schritte hallten leise auf dem polierten Beton wider. Sie war die Einzige, die so spät noch hier unten war, aber das war meistens so. Tagsüber war es ein Zirkus aus nationalen Schätzen, Göttern und Milliardären. Nachts jedoch gehörte der Tower sich selbst, und denen, die die Stille brauchten, um zu arbeiten. Oder um zu vergessen.
Lyarra drückte den Rufknopf und lehnte sich mit der Schulter gegen die kühle Metallwand. Aus ihrer Wasserflasche tropfte Kondenswasser, und sie begann gedankenverloren, mit dem Finger Linien in die feuchten Spuren auf dem Stahl zu ziehen. Eine alte Angewohnheit. Ein Muster im Chaos finden. Die Türen glitten auf. Sie trat ein.
Die Türen schlossen sich. Die Musik begann. Ein leises, instrumentales Grauen, das wahrscheinlich dazu gedacht war, beruhigend zu wirken, aber eher an die Warteschleife vom Finanzamt erinnerte. Wer auch immer die Playlist für die Stark-Tower-Aufzüge kuratierte, hatte einen Groll gegen die Menschheit. Lyarra drückte den Knopf für die 72. Etage, ihre private Unterkunft.
Gerade als die Türen sich fast geschlossen hatten, schob sich eine Hand dazwischen und drückte sie wieder auf. Eine große Hand, sauber, mit kurz geschnittenen Nägeln.
Steve Rogers trat ein.
Er trug keine Uniform, nur ein schlichtes graues T-Shirt und eine dunkle Trainingshose. Die Kleidung ließ ihn kleiner wirken, weniger wie ein Monument, aber die Präsenz, die den Raum füllte, war unverkennbar. Er nickte nicht. Er sagte nicht „Guten Abend“. Er trat einfach ein und stellte sich ihr gegenüber. Die Türen glitten endgültig zu.
Die Stille, die nun herrschte, war lauter als die schreckliche Musik. Lyarra konnte die Luft um ihn herum fast spüren, eine Art Kältestelle im kleinen Raum. Sie wich einen halben Schritt zurück, ihre Schulterblätter berührten die Rückwand des Aufzugs. Sie kannte ihn von den Meetings, von den Missionsbesprechungen. Hatte gehört, wie er Befehle gab, wie er lachte, wie er versuchte, Tonys Sarkasmus zu verstehen. Der Mann, der jetzt vor ihr stand, hatte nichts von alledem. Sein Blick war leer, seine blauen Augen fixierten einen Punkt über ihrer Schulter. Der Kiefermuskel an seiner Wange zuckte kaum merklich.
Ihr Herz schlug einen unregelmäßigen Takt gegen ihre Rippen. Das war nicht richtig.
Sie schaute auf die Anzeige über der Tür. 58, 59, 60. Gleich war sie da. Gleich würde sie aussteigen und die Tür ihres Zimmers hinter sich abschließen.
Steve bewegte sich. Langsam hob er die Hand und drückte einen Knopf. Nicht den für sein Stockwerk, das wusste sie. Er drückte den Not-Halt.
Ein sanfter Ruck ging durch den Aufzug, als er zwischen zwei Etagen zum Stehen kam. Die Musik verstummte. Das einzige Geräusch war das leise Summen der Notbeleuchtung und ihr eigener, plötzlich viel zu lauter Atem.
„Was…“, begann sie, aber die Worte erstickten ihr im Hals.
Er schaute sie jetzt direkt an. Die Kälte in seinen Augen war kein Gefühl mehr, das sie sich einbildete; sie war greifbar, wie Winterfrost. Er machte einen Schritt auf sie zu, und der Raum, der eben noch leer gewirkt hatte, war plötzlich erdrückend klein.
Ohne ein weiteres Wort drückte er den Knopf für sein Stockwerk. Die 85. Der Aufzug setzte sich wieder in Bewegung, aber diesmal nach oben. Vorbei an ihrer Etage. Er hatte ihre Wahl einfach überschrieben. Die Autorität von Captain America hatte Vorrang, selbst bei JARVIS‘ Aufzugprotokollen. Das war die einzige logische Erklärung, aber in ihrem Kopf schrien alle Instinkte.
Die Türen öffneten sich auf seiner Etage. Der Flur war genauso leer wie ihrer, aber die Luft hier schien dünner.
„Komm mit“, sagte er. Es war kein Vorschlag. Es war ein Befehl, leise und rau gesprochen.
Lyarra rührte sich nicht. Ihr Körper war zu Blei erstarrt. Ihre Finger krallten sich um die kalte Metallstange ihrer Wasserflasche.
Sein Blick verfinsterte sich um eine Nuance. Er überbrückte die letzte Distanz zwischen ihnen und seine Hand schloss sich um ihren Oberarm. Der Griff war nicht nur fest. Er war schmerzhaft, ein stählerner Schraubstock, der keine Rücksicht auf die müden Muskeln darunter nahm. Sie zischte leise auf, mehr aus Schock als aus Schmerz. Er zerrte sie aus dem Aufzug. Ihre Turnschuhe quietschten auf dem Boden, als sie stolperte und versuchte, mit seinen langen, entschlossenen Schritten mitzuhalten.
Er zog sie den kurzen Flur entlang zu seiner Tür, die er mit einer schnellen Bewegung seiner freien Hand öffnete. Sein Apartment war spärlich eingerichtet. Ordentlich. Ein Sofa, ein Tisch, ein paar gerahmte Schwarz-Weiß-Fotografien an der Wand. Nichts deutete auf den Mann hin, der hier lebte. Es war so unpersönlich wie ein Hotelzimmer.
Er stieß sie hinein, nicht sanft. Ihr Rücken traf hart auf die Wand neben dem Türrahmen. Ihre Wasserflasche fiel ihr aus der Hand und rollte mit einem hohlen Geräusch über den Parkettboden. Bevor sie sich wieder fangen oder auch nur einen klaren Gedanken fassen konnte, drückte er die Tür hinter ihr zu.
Das leise Klicken des Schlosses war das endgültige Geräusch.
Er stand vor ihr, eine unüberwindbare Silhouette gegen das Licht des Flurs, das für einen Moment durch den Türspalt gefallen war. Jetzt war es nur noch das gedämpfte Licht der Stadt, das durch die riesigen Fenster fiel. Es malte seine Züge hart und fremd. Das war nicht der Anführer der Avengers. Das war nicht Amerikas rechtschaffener Sohn. Der Mann, dessen kalter Atem ihr jetzt ins Gesicht schlug, war ein Fremder.