Sein Atem war eine kalte Wolke zwischen ihnen. Lyarras Rücken schmerzte von dem Aufprall an der Wand, aber dieser Schmerz war weit entfernt, ein Echo aus einer Welt, in der die Dinge noch einen Sinn ergeben hatten. Hier, in der erdrückenden Stille seines Apartments, gab es nur seine Nähe und die Leere in seinen Augen.
Dann veränderte sich etwas.
Die Leere war nicht länger leer. Sie füllte sich. Wie Tinte, die sich in klarem Wasser ausbreitet, sickerte eine Dunkelheit in seine blauen Augen, bis sie fast schwarz waren. Es war keine Kälte mehr, keine Abwesenheit. Es war eine Präsenz. Ein Hunger, so scharf und schneidend, dass er ihr den Atem raubte. Und er war ganz auf sie gerichtet.
Ihr Herz, das eben noch vor Angst gehämmert hatte, schlug nun in einem anderen Rhythmus. Einem tieferen, schwereren. Ein Teil von ihr, der Teil, der in unzähligen Trainingseinheiten auf Gefahr und Flucht getrimmt worden war, schrie. Aber ein anderer, älterer, instinktiverer Teil wurde still. Er beobachtete. Fasziniert. Ihr war schwindelig von der plötzlichen Wendung. Von Angst zu… etwas anderem. Etwas, für das sie keinen Namen hatte. Etwas, das die Dominanz in seiner Haltung, die unnachgiebige Gewalt seines Griffs im Aufzug, nicht nur als Bedrohung, sondern auch als eine Art schreckliche Verheißung sah.
Er bewegte sich, und es war, als würde die Zeit wieder einsetzen. Seine Hände, die eben noch lose an seinen Seiten gehangen hatten, fanden ihre Taille. Ohne die geringste Anstrengung hob er sie hoch. Ihre Füße verließen den Boden. Für einen Moment schwebte sie, gehalten von einer Kraft, die Denkmäler versetzen konnte, und er trug sie die wenigen Schritte zum Esstisch aus dunklem Holz. Er setzte sie auf der kühlen, glatten Oberfläche ab. Ihre Knie waren auf beiden Seiten seiner Hüften. Die Welt hatte sich auf den kleinen Raum zwischen ihnen verengt.
Seine Hände glitten von ihrer Taille zu ihren Oberschenkeln, hielten sie fest. Die Kälte seiner Haut sickerte durch den dünnen Stoff ihrer Trainingshose, ein bizarrer Kontrast zu der Hitze, die sich in ihrem Bauch zusammenzog. Er beugte sich vor, sein Gesicht nur Zentimeter von ihrem entfernt, aber er küsste sie nicht auf den Mund. Stattdessen senkte er den Kopf und presste seine Lippen auf die empfindliche Haut ihres Halses.
Ein Zittern durchfuhr sie. Es war kein Kuss. Es war ein Besitzanspruch. Seine Lippen waren fest, fordernd, und ein leises Knurren vibrierte in seiner Brust und übertrug sich direkt auf ihre Haut. Sie keuchte, eine Hand hob sich, um seine Schulter zu packen, um ihn wegzustoßen oder näher an sich zu ziehen, sie war sich selbst nicht sicher.
„Steve…“, flüsterte sie, ein letzter Versuch, die Kontrolle wiederzuerlangen, eine Erklärung zu fordern.
Er hob den Kopf. Seine Augen waren immer noch dunkel, unergründlich. Sein Daumen strich über ihre Unterlippe und brachte sie zum Schweigen. Die Berührung war überraschend sanft.
„Wenn du das nicht willst, sag nein“, sagte er, seine Stimme ein heiseres, tiefes Grollen, das direkt in ihr Mark fuhr. „Ansonsten will ich dich nur stöhnen hören.“
Die Worte hingen in der Luft. Ein Ultimatum. Eine Erlaubnis. Eine Anweisung. Die Wahl war einfach, aber das Gefühl dahinter war es nicht. Ihr Schweigen war ihre Antwort. Es war alles, was er brauchte.
Was danach geschah, war ein Rausch. Ein Sturm, der über sie hereinbrach und alle Gedanken hinwegfegte. Seine Küsse waren nicht sanft. Seine Hände waren nicht zärtlich. Er zog an ihrer Kleidung, riss den Stoff, als Knöpfe und Reißverschlüsse zu langsam waren. Er hinterließ Spuren auf ihrer Haut, Bisse und Abdrücke, die wie ein Brandzeichen glühten. Und sie? Sie kämpfte nicht. Sie ergab sich dem Sturm, krallte sich an ihm fest, zog ihn näher, antwortete auf seine raue Gier mit ihrer eigenen, lange unterdrückten Wildheit. Die Kälte seiner Haut war ein ständiger Schock, ein Anker in dem Chaos aus Hitze und Reibung, das er entfesselte. Es war, als würde man sich an einem Gletscher verbrennen. Widersprüchlich. Unmöglich. Und doch geschah es.
Das letzte, woran sie sich erinnerte, war das Gefühl seiner Arme, die sie vom Tisch hoben und ins Schlafzimmer trugen. Dann nur noch Dunkelheit und das Gewicht seines Körpers auf ihrem.
***
Das erste, was Lyarra wahrnahm, als sie aufwachte, war die Stille. Eine leere, sterile Stille. Das zweite war das kühle Morgenlicht, das durch die riesigen Fenster fiel und den Staub in der Luft tanzen ließ.
Sie war allein.
Sie richtete sich langsam auf und zog das Laken, das einzige, was sie bedeckte, fester um sich. Ihre Muskeln schmerzten auf eine tiefe, befriedigende Weise. An ihrem Hals pochte eine empfindliche Stelle. Sie war in seinem Bett. Sein Schlafzimmer war genauso unpersönlich wie der Rest der Wohnung. Ein Bett, ein Nachttisch, eine Kommode. Alles war makellos aufgeräumt. Nichts von dem Chaos der letzten Nacht war übrig geblieben. Keine zerrissene Kleidung auf dem Boden. Nichts. Es war, als wäre ein Reinigungsteam durchgegangen und hätte alle Beweise beseitigt.
Ein Schauer lief ihr über den Rücken, der nichts mit der Kühle des Raumes zu tun hatte. Sie stand auf, wickelte das Laken um sich wie eine Toga und ging ins Wohnzimmer. Leer. Die Wasserflasche, die ihr heruntergefallen war, lag immer noch neben dem Türrahmen, ein einsamer Beweis dafür, dass sie nicht alles geträumt hatte.
Sie fand ihre Kleidung nicht. Ihre Sporttasche war auch weg. In seinem Badezimmer, blitzsauber und nach nichts als Seife riechend, fand sie ein frisches Handtuch und auf der Kommode im Schlafzimmer lag, säuberlich gefaltet, ein schlichtes weißes T-Shirt und eine graue Jogginghose. Seine Kleidung.
Eine Stunde später, geduscht und in die viel zu großen, nach Waschmittel riechenden Sachen gekleidet, verließ sie seine Wohnung. Die Tür klickte leise hinter ihr ins Schloss. Der Flur war still. Der Aufzug kam sofort. Der Weg hinunter zu ihrer eigenen Etage fühlte sich an wie eine Reise aus einer anderen Welt zurück in die Realität.
Sie verbrachte den Rest des Vormittags in ihrer Wohnung, unfähig, sich zu konzentrieren, unfähig, still zu sitzen. Die Erinnerungen an die Nacht spielten sich immer wieder in ihrem Kopf ab. Seine dunklen Augen. Seine kalte Haut. Seine raue Stimme. Der Schmerz und die Lust, die so eng miteinander verwoben waren. Es war ein Rätsel, verpackt in Gewalt und Leidenschaft. Was hatte das zu bedeuten? War das eine einmalige Sache? Ein Ausbruch?
Am Nachmittag zwang sie sich, in die Gemeinschaftsküche zu gehen, um etwas zu essen. Sie brauchte Normalität. Sie brauchte Kaffee.
Und da war er.
Steve Rogers stand an der Theke und sprach mit Sam Wilson. Er lachte über etwas, das Sam sagte, ein offenes, ehrliches Lachen, das den ganzen Raum erwärmte. Er trug ein kariertes Hemd und Jeans. Er sah aus wie das verdammte Titelbild eines Magazins über amerikanische Helden.
Als sie eintrat, wandte er den Kopf. Ihre Blicke trafen sich.
Für den Bruchteil einer Sekunde hielt die Welt an. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Sie wartete. Auf ein Nicken. Ein Augenzwinkern. Ein Zeichen. Irgendeine Form der Anerkennung, dass sie vor weniger als zwölf Stunden jede Faser des Körpers des anderen gekannt hatten.
Er lächelte sie an. Ein höfliches, freundliches, völlig nichtssagendes Lächeln.
„Morgen, Lyarra“, sagte er, seine Stimme klar und warm. Genau wie immer. „Gut geschlafen?“
Dann wandte er sich wieder Sam zu, als hätte er sie nur beiläufig gegrüßt. Als wäre sie nur eine weitere Kollegin, die sich einen Kaffee holte. Als wäre nichts passiert.
Die Wärme in der Küche erreichte sie nicht. Alles in ihr wurde kalt. Eiskalt. Die Verwirrung der letzten Stunden kristallisierte sich zu etwas Hartem und Scharfem in ihrer Brust. Das war keine Leidenschaft gewesen. Das war kein Ausbruch gewesen. Der Mann, der sie letzte Nacht genommen hatte, und der Mann, der jetzt vor ihr stand und mit seinem Freund scherzte, konnten nicht dieselbe Person sein. Aber sie waren es. Und diese Erkenntnis war schrecklicher als alles, was in der Dunkelheit seines Zimmers geschehen war.