Die drei ??? v2Dark & Thriller

    Die vergessene Tiefe

    Der kalifornische Nachmittag lastete schwer und träge auf dem Schrottplatz von Titus Jonas. In der flirrenden Hitze schien selbst der Rost auf den Autowracks zu schmelzen. Im Inneren des alten Wohnwagens, der als Zentrale der drei ??? diente, war die Luft kaum besser. Ein Ventilator ratterte unermüdlich in einer Ecke und schob die warme Luft von einer Seite des Raumes zur anderen.

    Justus Jonas saß gebeugt über einem zerlegten Radiowecker, die Stirn in Falten gelegt, als versuche er, das Geheimnis des Universums in den winzigen Zahnrädern zu finden. „Faszinierend“, murmelte er. „Die simple Eleganz einer Sprungfeder-Hemmung.“

    Peter Shaw stöhnte vom zerschlissenen Sofa auf. Er balancierte einen Basketball auf seinem Zeigefinger, ohne ihn wirklich anzusehen. „Wenn du noch einmal ‚faszinierend‘ sagst, Justus, springe ich. Und zwar ohne Feder.“

    „Bewegungsmangel führt zu geistiger Trägheit, Peter“, erwiderte Justus, ohne aufzusehen. „Vielleicht solltest du ein paar Runden um den Schrottplatz laufen.“

    „Bei der Hitze? Dann könnt ihr mich direkt hier neben den alten Kühlschränken einlagern.“

    Bob Andrews, der in einem Stapel alter Zeitungen aus dem Stadtarchiv blätterte, hob den Kopf. „Apropos einlagern. Hört euch das an.“ Er las mit leiser Stimme vor: „‚Erneut wird ein Bewohner von Rocky Beach vermisst. Der 68-jährige Fischer Henry Colman kehrte von seiner nächtlichen Ausfahrt nicht zurück. Die Küstenwache fand sein Boot unbesetzt und treibend, etwa drei Meilen vor der Klippenküste. Von Colman fehlt jede Spur.‘ Das ist der zweite Fall in diesem Monat.“

    Peter ließ den Ball fallen. Er landete mit einem dumpfen Geräusch auf dem Linoleumboden. „Der zweite? Das ist unheimlich.“

    Justus schob seine Lupe beiseite. „Zufälle, Peter. Tragische Unfälle auf See sind leider keine Seltenheit. Es gibt keine rationalen Anhaltspunkte für einen Zusammenhang.“

    Ein Geräusch von draußen unterbrach seine Analyse. Das Knirschen von Reifen auf dem Schotterweg, das nicht zu einem der üblichen Lieferwagen von Onkel Titus passte. Es war das leise, satte Geräusch eines teuren Motors, der zum Stillstand kam. Die drei Jungen sahen sich an. Kunden für den Schrottplatz fuhren selten so neue Autos.

    Durch das staubige Fenster des Wohnwagens sahen sie, wie die Tür eines eleganten, dunkelgrünen Sedans aufging. Eine Frau stieg aus. Sie mochte Ende dreißig sein, trug eine praktische Leinenhose und ein schlichtes Hemd. Ihr blondes Haar war zu einem strengen Knoten gebunden, und ihre Augen schienen hinter einer Sonnenbrille alles mit einer kühlen, analytischen Distanz zu betrachten. Sie bewegte sich mit einer Zielstrebigkeit, die auf dem chaotischen Gelände fehl am Platz wirkte.

    „Ein neuer Fall?“, flüsterte Bob hoffnungsvoll.

    „Oder jemand hat sich hoffnungslos verirrt“, brummte Peter.

    Die Frau blieb vor dem Eingang zur Zentrale stehen und betrachtete das handgemalte Schild mit den drei Fragezeichen. Nach einem Moment des Zögerns klopfte sie.

    Justus straffte die Schultern, rückte seine Krawatte zurecht, die er trotz der Hitze trug, und rief: „Herein!“

    Die Frau betrat den Wohnwagen und zog ihre Sonnenbrille ab. Ihre Augen waren von einem kühlen Grau, wachsam und intelligent. „Ich suche die drei Detektive“, sagte sie. Ihre Stimme war klar und akzentfrei. „Man sagte mir, ich würde sie hier finden.“

    Justus stand auf. „Sie haben sie gefunden. Justus Jonas, Erster Detektiv.“ Er deutete auf seine Freunde. „Meine Kollegen, Peter Shaw, Zweiter Detektiv, und Bob Andrews, zuständig für Recherchen und Archiv.“

    Die Frau nickte knapp. „Mein Name ist Dr. Evelyn Reed. Ich bin Archäologin. Spezialgebiet maritime Kriegsgeschichte.“

    Sie legte eine schmale Ledermappe auf den Tisch und öffnete sie. Zum Vorschein kam keine Akte, sondern eine aufgerollte Karte, die sie vorsichtig entrollete. Das Papier war vergilbt und brüchig an den Rändern. Es roch nach Salz und Moder.

    „Was ist das?“, fragte Bob und beugte sich neugierig vor.

    „Eine Seekarte“, erklärte Dr. Reed. „Genauer gesagt, der handgezeichnete Plan eines deutschen U-Boot-Kapitäns aus dem Jahr 1944. Ich habe sie vor wenigen Tagen von einem alten Sammler hier in Rocky Beach erworben.“

    Die Karte zeigte einen vertrauten Küstenabschnitt, doch die Tiefenangaben und eingezeichneten Felsformationen waren ungewöhnlich detailliert. An einer Stelle, einige Meilen vor der Küste, war ein kleines Kreuz mit roter Tinte gezeichnet. Daneben stand eine verblasste Notiz: *U-404. Letzte Ruhe.*

    Peter pfiff leise durch die Zähne. „Ein deutsches U-Boot aus dem Zweiten Weltkrieg? Direkt vor unserer Küste?“

    „Die Existenz solcher Boote vor der amerikanischen Westküste ist historisch umstritten, aber nicht unmöglich“, sagte Dr. Reed. „Geheime Operationen, Spionagetrupps, Wetterbeobachtungen. Die U-404 gilt offiziell als im Atlantik verschollen. Diese Karte deutet auf eine andere Geschichte hin.“

    Justus‘ Augen leuchteten. „Ein historisches Rätsel von beachtlicher Tragweite. Was genau ist Ihr Anliegen, Dr. Reed? Und wie können wir Ihnen dabei behilflich sein?“

    „Ich bin eine Wissenschaftlerin, kein Detektiv“, antwortete sie und ihre Finger strichen fast zärtlich über die alte Karte. „Ich möchte die Echtheit dieser Karte bestätigen und, wenn möglich, das Wrack finden. Es wäre ein Fund von unschätzbarem historischem Wert. Aber ich bin hier fremd. Ich brauche jemanden, der sich in Rocky Beach auskennt. Jemanden, der diskret ist und weiß, wie man Informationen beschafft.“

    Sie schob einen Umschlag über den Tisch. „Das ist ein Vorschuss. Ich zahle gut für Resultate.“

    Peter sah Justus skeptisch an. „Und was sollen wir tun? Mit dem Schlauchboot rauspaddeln und tauchen?“

    Dr. Reed lächelte zum ersten Mal, doch das Lächeln erreichte ihre Augen nicht. „Nein, Mr. Shaw. Vorerst nicht. Der Mann, von dem ich die Karte gekauft habe, ein Fischer namens Abernathy, war sehr verschlossen. Er murmelte etwas von einem ‚Fluch‘ und dass die Karte nur ‚Unglück‘ bringe. Ich glaube, er weiß mehr, als er zugibt. Vielleicht können Sie ihn zum Reden bringen. Er wohnt in einer der alten Hütten am Fischerkai.“

    Justus nickte langsam. Die Erwähnung eines Fluchs war genau die Art von irrationalem Detail, das einen Fall für ihn erst richtig interessant machte. „Wir verstehen. Sie möchten, dass wir die Herkunft der Karte und die Geschichte dahinter untersuchen.“

    „Exakt.“ Dr. Reed stand auf. Sie wirkte plötzlich angespannt, als dränge die Zeit. „Finden Sie heraus, was Abernathy weiß. Finden Sie heraus, ob noch jemand von dieser Karte wusste, bevor sie in meine Hände gelangte.“ Ihr Blick wanderte kurz zum Fenster, als würde sie draußen etwas erwarten.

    „Gibt es einen Grund zur Eile?“, fragte Bob.

    Dr. Reeds graue Augen fixierten ihn. „In der Archäologie gibt es immer einen Grund zur Eile, Mr. Andrews. Die Vergangenheit wartet nicht ewig. Und manchmal ist sie gefährdeter, als man denkt.“ Sie zögerte einen Moment. „Seien Sie vorsichtig. Die Küste hier hat ihre Geheimnisse. Nicht alle davon sind so harmlos wie alte Fischernetze.“

    Mit diesen Worten setzte sie ihre Sonnenbrille wieder auf, drehte sich um und verließ den Wohnwagen so schnell, wie sie gekommen war. Das Geräusch ihres davonfahrenden Autos verlor sich in der Ferne und hinterließ eine angespannte Stille.

    Peter war der Erste, der sie brach. „Die Frau ist unheimlich. ‚Die Vergangenheit ist gefährdeter, als man denkt.‘ Was soll das denn heißen?“

    „Rhetorik, Peter. Sie will die Wichtigkeit ihres Anliegens betonen“, sagte Justus, doch sein Blick war auf die Karte geheftet. Er hob vorsichtig den Umschlag an. Er war schwer.

    Bob ging zum Fenster und sah hinaus. „Henry Colman, der vermisste Fischer... Er war auch oft nachts draußen unterwegs. Genau wie Abernathy, nehme ich an.“

    Justus sah von der Karte auf. Ein Anflug von Unruhe trat in seine sonst so analytischen Züge. „Das ist eine interessante, wenn auch spekulative Beobachtung, Bob.“ Er richtete sich auf und seine Stimme klang fester, entschlossener. „Wie dem auch sei. Wir haben einen neuen Fall.“

    Er legte ihre Visitenkarte neben die vergilbte Seekarte. Die drei Fragezeichen schienen die rote Markierung auf dem alten Papier herauszufordern.

    „Erster Detektiv: Justus Jonas.“

    „Zweiter Detektiv: Peter Shaw.“

    „Recherchen und Archiv: Bob Andrews.“

    „Unser erster Auftrag“, fuhr Justus fort, „führt uns zum Fischerkai. Wir statten diesem Mr. Abernathy einen Besuch ab. Ich habe das Gefühl, dass diese Karte nicht das einzige ist, was in den Tiefen vor Rocky Beach verborgen liegt.“

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